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aus dem Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
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Wie die Corona-Krise die Geschlechterverhältnisse neu konfiguriert – ein gendersensibler Blick auf die Pandemie und ihre (möglichen) Folgen

Seit Anfang März 2020 ist nichts mehr so, wie es war. Die Pandemie greift in den Lebensalltag der Menschen ein. Immer deutlicher wird: das medizinische Phänomen eines tödlichen Virus hat gravierende gesellschaftliche Folgen – und gesellschaftliche Folgen sind immer verbunden mit Folgen für die Geschlechterverhältnisse. In der ersten Zeit der Krise sah es noch so aus, als würde der von mehrheitlich von Frauen verrichteten Arbeit am Menschen – der Sorge- bzw. Care-Arbeit – mehr Aufmerksamkeit und Aufwertung zuteil. Inzwischen mehren sich aber die Stimmen, die vor einem pandemiebedingten „Backlash“ warnen, also dem Zurückrollen gleichstellungspolitischer Errungenschaften. Der Beitrag befasst sich mit der Frage, welche Folgen für die Gleichstellung durch die Pandemie abzusehen sind und was daraus zu lernen ist.*

„Es sind die Frauen, die das Land rocken“, titelte der Tagesspiegel noch Mitte März (Tagesspiegel 2020). Plötzlich erwiesen sich schlecht bezahlte Pflegerinnen und Supermarktkassiererinnen als systemrelevant, und die Kanzlerin bedankte sich ausdrücklich bei diesen Beschäftigten. Wer sich schon länger mit Geschlechterfragen befasst, war weniger überrascht: Die feministische Ökonomie analysiert seit Langem den wichtigen Stellenwert der oft unsichtbaren und nicht bzw. unterbezahlten Sorge- oder „Care“-Arbeit. Das Gutachten zum Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung (2017) trägt das Thema im Titel: „Erwerbs- und Sorgearbeit gemeinsam neu gestalten“.* Die Forderungen zur Aufwertung dieser vor allem von Frauen geleisteten Arbeit stehen also schon lange im Raum, und die Politikempfehlungen dazu liegen auf dem Tisch: bessere Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung, außerdem eine Reform der Aus- und Weiterbildung. Die Berufe sollten nicht vorzeitig wegen Überlastung verlassen werden müssen und ordentliche Aufstiegschancen bieten, also zu „Lebensberufen“ werden. „Die Kosten dieser Aufwertung sind wesentlich niedriger, als wenn die Gesellschaft auf dem Pfad der Billigdienstleistungsökonomie verbliebe.“ (Geschäftsstelle Zweiter Gleichstellungsbericht o. J.). Dieser Satz aus einem Themenblatt zum Gleichstellungsbericht bekommt vor dem Hintergrund der Pandemie einen bitteren Beigeschmack.

Die hierzulande vorherrschende Trennung des Arbeitsmarktes in typische „Frauenberufe“ und „Männerberufe“ hat historische Gründe und beruht auf Geschlechterstereotypen. Frauen werden pauschal als kompetenter für die Arbeit mit Menschen gehalten, während Männern ein besseres Verständnis von Technik und den Umgang mit Maschinen zugeschrieben wird. Dass die Entlohnungs- und Aufstiegsstrukturen in diesem vergeschlechtlichten Arbeitsmarkt für Frauen im Schnitt schlechter sind, ist inzwischen gut belegt und bekannt. Das Gesundheitspersonal (5,7 Millionen Beschäftigte) besteht zu über drei viertel aus Frauen (DESTATIS o. J.), viele von ihnen haben eine Migrationsgeschichte. Sie sichern das Überleben unter hohen Belastungen und nun auch noch mit dem ständigen Risiko, sich selbst zu infizieren. Auch im Einzelhandel beträgt der Frauenanteil knapp 70 Prozent (Schäfer; Schmidt 2016).

Wenn jetzt die Rufe nach mehr Anerkennung dieser Berufsgruppen laut werden und Bundeskanzlerin Angela Merkel ihnen explizit dankt, ist das schön. Noch besser wäre es gewesen, bereits vor dem Ausbruch von Corona gute Arbeitsbedingungen zu schaffen, um das Gesundheitssystem und den Einzelhandel auf eine stabilere Personalbasis zu stellen. Das geht nur mit einer besseren Bezahlung und guten Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten. Und: auch einmalige Bonuszahlungen können viele dieser Beschäftigten wohl kaum vor Altersarmut schützen.

Schon vor Corona betraf die „Care“-Krise nicht nur die bezahlte Sorgearbeit. Auch schon vor dem Virus waren diejenigen überlastet und gestresst, die sich unbezahlt um Kinder, Alte und Kranke kümmern, auch auf Kosten ihrer eigenen finanziellen Absicherung. Diese Care-Arbeit wurde bereits vor der Schließung von Kitas und Schulen zum größten Teil von Frauen getragen: sie leisten im Schnitt eineinhalbmal mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer, dies ist der „Gender Care Gap“. (Bundesregierung 2017: 95) Derzeit sieht es so aus, als würde sich diese Lücke mit der Pandemie deutlich vergrößern. So warnte der Frauenrat: „Indem sie Familien mit der Betreuungsfrage alleine lassen, konterkarieren die Verantwortlichen in der Corona-Krise alle Bemühungen der vergangenen Jahre zu besserer Vereinbarkeit von Familie mit Beruf und höherer Müttererwerbstätigkeit“, die Vorsitzende Küppers spricht von „eine(r) Rolle rückwärts in die fünfziger Jahre“ (Frauenrat 2020). Besonders hart trifft der Wegfall der Betreuung dabei Alleinerziehende: 90 Prozent der 692.000 erwerbstätigen Alleinerziehenden mit Kindern unter 13 Jahren sind Frauen (DESTATIS 2020). Sie müssen mit der Schließung der Betreuungseinrichtungen irgendwie zurechtkommen.*

Überlastung und Konflikte sind dort vorprogrammiert, wo Betreuung neu geplant werden muss (und zwar ohne die Großeltern), Eltern plötzlich die Funktion der Schule übernehmen sollen und so ganz nebenbei noch der Haushalt zu stemmen ist. So schreibt Barbara Vorsamer von der Süddeutschen Zeitung in ihren Sechs Tipps für die Schule zuhause (ebd. 2020): „Der ultimative Tipp, wie man Berufstätigkeit, Kinderbetreuung und Schulunterricht als Mutter oder Vater in einer Dreizimmerwohnung wuppt, steht hier nicht. Weil es nicht geht.“. Nach Wochen ohne Betreuungseinrichtungen regte sich Protest, so forderten Berliner Frauenverbände umfassende berufliche Entlastung, denn „Kinderbetreuung ist kein privates Problem.“ (Landesfrauenrat Berlin e. V. et al. 2020) Das Infektionsschutzgesetz sieht zwar gewisse Hilfen für Betreuende mit Kindern unter 12 Jahren vor, die müssen aber individuell dem Arbeitgeber nachweisen, dass sie „keine zumutbare Betreuungsmöglichkeit für das Kind sicherstellen können.“ (§ 56 Absatz 1a IfSG) Über pflegende Angehörige, die in der häuslichen Isolation alte Menschen und Menschen mit Einschränkungen versorgen, sprach auch Wochen nach Einführung der Notmaßnahmen kaum jemand (Frey 2020). Auch in der Krise zeigt sich also ein altes Muster: Die mit der Sorgearbeit verbundenen Härten und Zumutungen werden ins Private delegiert, dort müssen die Folgen der Pandemie abgepuffert werden. Unterstützung gibt es nur für bestimmte Gruppen, und die muss erst einmal individuell durchgefochten werden.

Die notwendigen Beschränkungen der Sozialkontakte und der Mobilität bringen Stress und Spannungen im Zusammenleben, vor allem in Familien. Was aber vielen nicht bewusst ist: Die eigenen vier Wände sind für Frauen einer der gefährlichsten Orte im Leben. Das zeigen die Studien zu Partnerschaftsgewalt des BKA (2019). Der Frauenrat meldete bereits früh: „In Zeiten von #SocialDistancing und #StayAtHome gibt es große Befürchtungen, dass häusliche Gewalt zunehmen wird.“* Befürchtungen, die sich offensichtlich bestätigen (RND 2020). Dabei klagen Mitarbeiterinnen von Frauenhäusern schon seit langer Zeit über schlechte Arbeitsbedingungen und Überbelegung, denn die Frauenhausinfrastruktur ist unterfinanziert. Sie soll nun ausgebaut werden: Ministerin Giffey hat noch vor der Corona-Krise angekündigt, dass ihr Ressort von diesem Jahr an 120 Millionen Euro zusätzlich für den Ausbau von Beratungsstellen und Frauenhäusern bereitstellt (BMFSFJ 2019).

Sehr bald wird es jedoch um die Frage gehen, wie die öffentlichen Gelder in Krisenzeiten neu verteilt werden, eine Wirtschaftskrise steht vor der Tür. Schon jetzt gibt es Subventionen und die Ankündigung von Konjunkturprogrammen. Wird dann weiterhin die Frauenhausfinanzierung wie zugesichert aufgestockt, oder wird der laufende Haushaltsplan kurzerhand umgestrickt, weil es in der Krise vermeintlich Dringenderes zu tun gibt?

Denn konventionelle Wirtschaftspolitik übersieht gerne, welche Wirkung Krisen auf die Geschlechterverhältnisse und welche Folgekosten eine verfehlte Gleichstellungspolitik hat. Gewalt gegen Frauen bedeutet nicht nur vermeidbares Leid, sondern kostet die gesamte Gesellschaft auch viel Geld (EIGE o. J.). Die chronische Unterfinanzierung des Gesundheits- und Pflegesektors forderte schon vor der Pandemie Opfer und die schlechte Bezahlung der Care-Arbeit führt bereits heute zu Altersarmut insbesondere von Frauen (Bundesregierung 2017: 189 ff.). Auch in Zeiten der Krise muss gelten: Vorhandene Ungleichheit darf nicht noch verschärft werden. Und das Wissen hierzu ist eigentlich vorhanden.* So hat Mara Kuhl einen „Kriterienkatalog für geschlechtergerechte Krisenpolitik“ entwickelt (ebd. 2012: 6 ff.). Er fußt auf einer Analyse des Konjunkturpaketes, das in der Wirtschaftskrise 2008 in Kraft gesetzt wurde (Kuhl 2010). Eine der Maßnahmen war das Kurzarbeitergeld. Kuhl stellt fest: „Zu Hochzeiten der Inanspruchnahme des Kurzarbeitergeldes im Jahr 2009 waren von allen Beschäftigten, die Leistungen in Anspruch nahmen, 78 % Männer und 22 % Frauen. Von den Mitteln für die berufliche Qualifizierung während des Bezugs von Kurzarbeitergeld aus dem Europäischen Sozial Fonds (ESF) für Deutschland wurden sogar über 85 % für Männer ausgegeben“ (ebd.: 12). Auch wenn männlich dominierte Branchen von der Krise unmittelbar und schnell betroffen waren – andere Wirtschaftszweige wie den Einzelhandel traf es durchaus auch. Das Kurzarbeitergeld wurde zwar im Nachhinein korrigiert, sodass etwas mehr Frauen Zugang zu dieser Förderung erhielten. Aber wo war eigentlich das Förderprogramm, als kurze Zeit darauf die Drogeriekette „Schlecker“ pleite ging und mehrere Zehntausend weibliche Beschäftigte ihre Jobs verloren?

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