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Väter zwischen Arbeitsorganisationen und privater Lebensführung – Handlungsoptionen und Handlungskrisen

Vaterschaft: Neue Leitbilder und traditionelle Praktiken

Das Verständnis von Vaterschaft hat sich in den letzten Jahren umfassend gewandelt. Neue Einstellungen und Leitbilder aktiver Vaterschaft zeigen: Zeit für die Familie wird zunehmend zu einem wichtigen Lebensziel auch für Männer (Alemann et al. 2017a). Väter möchten sich nicht mehr nur über ihre Rolle als Ernährer definieren, sondern auch Erzieher ihrer Kinder sein (Oechsle/Reimer 2016). Sie erleben die Beschäftigung mit ihren Kindern als sinnvolle und befriedigende Tätigkeit und wünschen sich eine Balance von Berufs- und Familienalltag (Hobson/Fahlén 2011). Väter möchten also Zeit für ihre Familien haben und würden dafür auch ihre Arbeitszeit reduzieren.

Dies spiegelt sich auch in den öffentlichen Diskursen und den kulturellen Leitbildern zur aktiven Vaterschaft wider. In ihnen kommen Väter vor, die gleichberechtigt mit ihren Partner*innen Verantwortung für ihre Kinder übernehmen, und zwar von Geburt an und für die Söhne ebenso wie für die Töchter (Meuser 2009). Aktive Vaterschaft wird gefördert durch politische Maßnahmen wie die sogenannten „Vätermonate“ und das „Elterngeld Plus“, was seinerseits zu einem Wandel von Diskursen und Praktiken beigetragen hat (BMFSFJ 2018a). Auch viele Unternehmen im öffentlichen Dienst und in der Privatwirtschaft weiten ihre Vereinbarkeitsprogramme auf Väter aus (Alemann 2017).

Tatsächlich sind die meisten Väter immer noch mehr Stunden erwerbstätig als Mütter, und ihre durchschnittlichen Arbeitszeiten sind nach der Familiengründung sogar länger als vorher (Bünning/Pollmann-Schult 2015). Während Teilzeitphasen von Vätern als Ausnahme und Besonderheit gesehen werden (Pfahl et al. 2014), gilt Vollzeitarbeit immer noch als das gängige Arbeitszeitmodell. Knapp zwei Drittel aller Väter nehmen keine Elternzeit (BMFSFJ 2018a), und die, die es doch tun, halten sich zumeist an die allgemein akzeptierte Norm von zwei Monaten (Bernhardt et al. 2016). Offensichtlich gelingt es vielen Vätern nicht oder nur mit Einschränkungen, dieses neue Vaterbild auch im Alltag zu leben (Meuser 2009). Das hat verschiedene Ursachen.

Die Diskrepanz zwischen Leitbildern, Einstellungen und Praktiken wird von der Väterforschung seit einiger Zeit untersucht (Oechsle/Reimer 2016), und schon lange wird zwischen „culture and conduct of fatherhood“ unterschieden (LaRossa 1988). Unterschiede zwischen kulturellen Leitbildern, Diskursen und Praktiken sind stets Anzeichen für einen gesellschaftlichen Wandel, und fast immer gehen Leitbilder und Diskurse den Praktiken voraus (Oechsle/Reimer 2016). Vaterschaft befindet sich seit vielen Jahren in einem Wandlungsprozess, der schon seit den 1980er Jahren in Einzelfällen beobachtet wurde* und allmählich auf breiter gesellschaftlicher Ebene sichtbar wird. Dieser Veränderungsprozess ist eingebettet in den allgemeinen sozialen und kulturellen Wandel und unterliegt ebenso wie dieser ungleichzeitigen Veränderungsprozessen (Oechsle/Reimer 2016). Dies zeigt sich beispielsweise in widersprüchlichen und praktisch unerreichbaren Leitbildern von aktiver Vaterschaft, gleichberechtigter Partnerschaft und verantworteter Elternschaft (Schneider et al. 2015), aber auch in widersprüchlichen Anreizen und Bedingungen des Wohlfahrtsstaates (BMSFSFJ 2018b) und der Unternehmen (Alemann 2017). Dazu kommt, dass neben neuen Modellen gleichberechtigter Partner- und Elternschaft auch weiterhin eingespielte Routinen in der alltäglichen Lebensführung von Männern und Frauen existieren, die sich an traditionellen Geschlechternormen orientieren (Oechsle/Reimer 2016; Alemann et al. 2016).

Literatur

Alemann, Annette von, 2017: „Scheinheiligkeit“ von Organisationen: Paradoxien und Tabus. Das Beispiel der Vereinbarkeit und väterlichen Lebensführung. In: Funder, Maria (Hg.), Neo-Institutionalismus – Revisited. Bilanz und Weiterentwicklungen aus der Sicht der Geschlechterforschung. Ein Handbuch. Baden-Baden: Nomos, 415 – 438.

Alemann, Annette von/Beaufaÿs, Sandra, 2015: Die Verteilung von Care und Karriere bei Vätern: Reproduktionsarbeit als Ungleichheitsdimension zwischen Männern? In: Lessenich, Stephan (Hg.), Routinen der Krise – Krise der Routinen. Verhandlungen des 37. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Trier 2014. Internetpublikation: http://publikationen.soziologie.de/index.php/kongressband/article/view/282 (Zugriff: 28. März 2019).

Alemann, Annette von/Beaufaÿs, Sandra/Kortendiek, Beate, 2016: Alte neue Ungleichheiten? Auflösungen und Neukonfigurationen von Erwerbs- und Familiensphäre. In: Alemann, Annette von/Beaufaÿs, Sandra/Kortendiek, Beate (Hg.), Alte neue Ungleichheiten? Auflösungen und Neukonfigurationen von Erwerbs- und Familiensphäre. GENDER, Sonderheft 4, 9 – 23.

Alemann, Annette von/Beaufaÿs, Sandra/Oechsle, Mechtild, 2017a: Aktive Vaterschaft in Organisationen – Legitime Ansprüche und ungeschriebene Regeln in Unternehmenskulturen. In: Zeitschrift für Familienforschung 29 (1), Schwerpunktthemenheft „Väter und Berufstätigkeit“, 72 – 89.

Alemann, Annette von/Beaufaÿs, Sandra/Oechsle, Mechtild, 2017b: Work Organizations and Fathers‘ Lifestyles: Constraints and Capabilities. In: Liebig, Brigitte/Oechsle, Mechtild (eds), Fathers in Work Organizations: Inequalities and Capabilities, Rationalities and Politics. Opladen/Farmington Hills: Barbara Budrich, 21 – 39.

Bernhardt, Janine/Hipp, Lena/Allmendinger, Jutta, 2016: Warum nicht fifty-fifty? Betriebliche Rahmenbedingungen der Aufteilung von Erwerbs- und Fürsorgearbeit in Paarfamilien. Berlin: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (Discussion Paper SP I 2016–501).

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