Achtung, Baustelle!

Gut Ding will Weile haben – Wir arbeiten fleißig am Portal und sind bald wieder mit allen Funktionen und neuem Gewand für Sie da!

Ihr Team von
dasgleichstellungswissen.de


Werden Sie Premium-Mitglied!
Als Premium-Mitglied profitieren Sie uneingeschränkt von allen Inhalten.
Jetzt gratis Newsletter abonnieren!
Beiträge
aus dem Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Beiträge lesen >>
Neue Artikel
 

Schweden als realistisches Vorbild für die Gleichstellung von Frauen in der Existenzsicherung

Im Gegensatz zum deutschen Wohlfahrtsstaat fördert der schwedische (im internationalen Vergleich betrachtet) die unabhängige Existenzsicherung von Frauen. Dies geschieht vor allem im Zusammenwirken unterschiedlicher Maßnahmen und Sicherungsstränge. Schweden dient hier also, wie der Titel bereits deutlich macht, als ein „gutes Beispiel“. Unstrittig ist an dieser Stelle allerdings, dass nicht davon ausgegangen werden kann, dass die schwedischen Maßnahmen problemlos auf Deutschland übertragbar wären. Das schwedische Modell soll hauptsächlich als ein Beleg dafür dienen, dass ein Wohlfahrtsstaat durchaus dazu beitragen kann, patriarchale Abhängigkeitsstrukturen im Bereich der Existenzsicherung abzubauen – wenn diese Entwicklung von Entscheidungsträgern gewünscht wird.

Der schwedische Wohlfahrtsstaat

In der Wohlfahrtsstaatsforschung wird oft von einem skandinavischen oder nordischen Modell gesprochen, unter das auch der schwedische Sozialstaat gefasst wird. Es zeichnet sich unter anderem durch einen hohen Grad an Universalismus aus. Damit ist gemeint, dass alle Bürgerinnen und Bürger, unbeachtet ihrer Position auf dem Arbeitsmarkt, Anspruch auf ein Mindestmaß an sozialer Sicherung haben. Es werden relativ hohe Sozialleistungen gezahlt und Ersatzzahlungen bei Einkommensausfall (etwa bei Krankheit, Arbeitslosigkeit usw.) kommen dem vorherigen Erwerbseinkommen oft sehr nahe. Sozialleistungen werden vor allem aus Steuern finanziert.

Die Unterschiede im Einkommen sind geringer als in anderen europäischen Staaten und die Geschlechterpolitik gilt gemeinhin als besonders progressiv. Insgesamt gilt der schwedische (bzw. skandinavische) Wohlfahrtsstaat in den meisten Bereichen als vorbildlich (Burman et al. 2004: 137). Dies gilt besonders für die sozialen Sicherungssysteme und das Steuersystem, die beide stark individualisiert sind. Es führt dazu, dass (verheiratete) Frauen in Schweden sehr viel weniger von einem männlichen Ernährer abhängig sind als deutsche Frauen (Scheiwe 2005).

Das schwedische Modell zeichnet sich durch eine starke Betonung der Arbeitsgesellschaft aus. Jeder und jede soll seinen oder ihren Lebensunterhalt in erster Linie durch Erwerbsarbeit sichern (Wennberg 2004). Auf diesem Grundsatz fußt auch die schwedische Gleichstellungspolitik (Schwedisches Institut 2003) ebenso wie die sehr gut ausgebaute öffentliche Kinderbetreuung (Veil 2003: 14 ff.). Die soziale Sicherung ist aufgeteilt in zwei Systeme: wohnbasierte und erwerbsarbeitsbasierte Sicherung. Die Leistungen, die sich lediglich auf den Wohnort der entsprechenden Person beziehen, orientieren sich in der Regel am Unterstützungsbedarf und sollen vor allem Familien mit Kindern entlasten (Wennberg 2004: 63). Arbeitsbasierte Leistungen sollen hingegen das Erwerbseinkommen ersetzen, wenn die ArbeitnehmerIn auf Grund von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Elternschaft o. ä. die Erwerbsarbeit unterbrechen oder aufgeben muss (Cerra et al. 2003: 8 ff.). Da die Sozialleistungen zum größten Teil durch Steuern finanziert werden, sind die Steuersätze insgesamt relativ hoch. Außerdem ist der öffentliche Sektor stark ausgebaut, sehr viele Menschen (vor allem Frauen) sind im öffentlichen Dienst beschäftigt (Cerra et al. 2003: 1 f.; Theobald 1999: 31 f.).

Im Hinblick auf die Existenzsicherung von Frauen sind die 1960er Jahre von besonderer historischer Bedeutung, da sich Schweden und Deutschland unter ähnlichen Voraussetzungen in sehr unterschiedliche Richtungen entwickelt haben. In beiden Ländern herrschte in dieser Zeit ein Mangel an Arbeitskräften. Doch während Deutschland Arbeitskräfte aus dem Ausland anwarb (Geißler 1996: 214), wurden in Schweden Frauen (und insbesondere Mütter) stärker in das Erwerbsleben integriert (Kolbe 2002: 407 ff.). Diese politische Veränderung wurde in Schweden durch eine breite öffentliche Diskussion über Gleichstellungsfragen vorbereitet. In diesem Zusammenhang änderten sich auch die Begrifflichkeiten, mit denen argumentiert wurde: Es ging nun nicht mehr nur um die „Rechte der Frauen“ sondern um Gleichstellung (Jämställdhet). Durch diese begriffliche Verschiebung wurden auch Männer und ihr Verhalten stärker in die Diskussion mit einbezogen. Außerdem hatten schwedische Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen, öfter einer Erwerbsarbeit nachzugehen, weniger Kinder zu gebären, ihre Partner nicht mehr zwangsläufig zu heiraten, und sich vermehrt scheiden zu lassen. Auch das führte zu der Forderung nach der Möglichkeit von Frauen, eine Erwerbsarbeit zu ergreifen und gleichzeitig Kinder großzuziehen.

Da der Ruf nach Veränderung mit einer Phase wirtschaftlichen Wachstums und einem gestiegenen Bedarf an Arbeitskräften zusammenfiel (Florin/Nilson 1999), wurde bereits Mitte der 1960er Jahre die öffentliche Kinderbetreuung massiv ausgebaut. In dieser Zeit wurde auch in der öffentlichen Debatte verstärkt von Vätern gesprochen, wenn es um Kinderbetreuung und – erziehung ging. Mitte der 1970er Jahre wurde deshalb der sechsmonatige Mutterschaftsurlaub in einen Elternurlaub umgewandelt. Das politische Leitbild der Zeit war – und ist bis heute – die Zweiverdienerfamilie.* Für die Kinderbetreuung war nun in erster Linie der Staat zuständig. Die Eltern nahmen eher eine ergänzende Rolle ein. Schon zu dieser Zeit wird also ein großer Unterschied zum (west-)deutschen Verständnis von Elternschaft bzw. Mutterschaft deutlich (Kolbe 2002: 406 ff.). In dieser Zeit bildete sich auch die starke Konzentration des schwedischen Wohlfahrtsstaats auf Erwerbsarbeit heraus. So sollten nun besonders Mütter in ihrem Bestreben gefördert werden, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen (Gunnarsson 2001: 180 f.).

Schon zuvor waren die sozialen und zivilen Rechte von Frauen stark auf das Individuum und nicht auf die Familie ausgerichtet. Bereits 1921 wurde Frauen in Schweden durch das Ehe-Gesetz in Bezug auf rechtliche und ökonomische Angelegenheiten eine gleichberechtigte Stellung in der Ehe eingeräumt. Ehemann und Ehefrau wurde die gemeinsame Verantwortung für Hausarbeit, Kindererziehung und die finanzielle Versorgung aufgetragen. Auch wenn dies nicht bedeutete, dass Ehen bereits in dieser Zeit geschlechtergerecht organisiert waren, so wurden damals die Grundvoraussetzungen für die Stärkung der Position der Frauen in den 1970er Jahren geschaffen (Florin/Nilson 1999: 18 ff.).

Die finanzielle Unabhängigkeit zwischen EhepartnerInnen wurde schließlich in den 1970er Jahren zu einem bestimmenden Prinzip. Politik und Gesetzgebung gingen nun davon aus, dass jede erwachsene Person für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen (können) sollte. Im Zusammenhang mit dieser Debatte wurde das Steuersystem individualisiert (Gunnarsson 2001: 180 f.). Doch die schwedische Politik engagierte sich in dieser Zeit nicht nur für Familien und Mütter, sondern ebenso für Gleichstellung und Frauenrechte allgemein. Unterschiedliche Institutionen wurden geschaffen, die sich mit diesen Aufgaben befassen. So setzte 1972 die Regierung ein Komitee zur Gleichstellung von Mann und Frau ein, 1976 gab es eine parlamentarische Kommission zum gleichen Status von Mann und Frau und 1980 wurde eine Ombudsperson für gleiche Chancen eingesetzt (Florin/Nilson 1999: 64 ff.).

Zwar erlebte der schwedische Wohlfahrtsstaat in den 1990er Jahren eine wirtschaftliche Krise, die oft als die große Herausforderung für das schwedische Modell beschrieben wird. In der Tat entschied sich der Staat in dieser Zeit zu einer Reihe von Kürzungen, was auch im Bereich der Familienpolitik deutlich wurde. Inzwischen sind jedoch viele der damals durchgesetzten Einschnitte rückgängig gemacht und die typischen Merkmale des schwedischen Modells – Universalität, relativ hohe Lohnersatzleistungen, relativ geringe Unterschiede im Einkommen, Geschlechtergerechtigkeit, individualisierte soziale Sicherung – erhalten geblieben (Gunnarsson 2001; Swedish Institute 2004a: 2; Swedish Institute 2004b; Lindbom 2001: 181 f.; Scheiwe 2005).

Die Institution Ehe im schwedischen Recht

Im Gegensatz zu Deutschland steht der schwedische Staat der Ehe neutral gegenüber. Dies bedeutet auch, dass die eingetragene Lebenspartnerschaft sehr ähnlichen Gesetzen wie die Ehe unterliegt. Die Ehe soll weder gefördert, noch gegenüber registrierten Partnerschaften schlechter gestellt werden (Burman et al. 2004: 140 ff.).

Ursprünglich wurde die Form der registrierten Partnerschaften geschaffen, um gleichgeschlechtlichen Paaren die Möglichkeit zu geben, einen juristischen Status zu erlangen, der dem von Eheleuten ähnlich ist. Allerdings können sich auch heterosexuelle Paare registrieren lassen. Weiterhin gibt es noch die Form von „Gemeinsam-Wohnenden-Paaren“. Hiermit sind heterosexuelle Paare gemeint, die in einer „eheähnlichen Beziehung“ zueinander stehen und zusammen wohnen. Auch hier gelten teilweise ähnliche Regeln wie bei einer Ehe, besonders wenn es Kinder in der Beziehung gibt, doch es gibt auch entscheidende Unterschiede. Zum Beispiel sind die „Zusammen-Wohnenden“ nicht verpflichtet, für den gegenseitigen Unterhalt zu sorgen, auch nicht bei einer sehr langen Beziehung (Ministry of Justice 2000: S. 20 ff.).

Bereits seit den 1930er Jahren gilt das Prinzip der ökonomischen Unabhängigkeit von EhepartnerInnen. Praktisch umgesetzt wurde dieser Leitgedanke allerdings erst in der Umbruchsphase der 1960er und 1970er Jahre. Besonders wichtig war hier nicht nur der massive Ausbau öffentlicher Kinderbetreuung, sondern auch die Abschaffung der gemeinsamen Besteuerung in der Ehe. Diese wurde als Hindernis für die Erwerbsintegration von Ehefrauen angesehen. Diese Einsicht konnte sich in Deutschland bis heute nicht durchsetzten. Mittlerweile ist das schwedische Einkommenssteuersystem das am stärksten individualisierte in Europa (Gunnarsson 2001: 178 ff.).

Ähnlich wie in Deutschland tragen während der Ehe beide PartnerInnen die Verantwortung dafür, für den eigenen Unterhalt und den des/der anderen zu sorgen. Arbeit im Haushalt wird in diesem Zusammenhang ebenfalls als eine Form von Unterhalt betrachtet (Ministry of Justice 2000: 10 f.). Wörtlich sind Kinderbetreuung und Hausarbeit als möglicher Unterhalt allerdings im geltenden Recht nicht aufgeführt. Bei der Novellierung des Gesetzes im Jahre 1978 wurde dieser Umstand als so selbstverständlich angesehen, dass dieser Teil herausgelassen wurde (Scheiwe 1999: 90). Kann eine EhepartnerIn also nicht für ihren eigenen Unterhalt sorgen, so ist die andere verpflichtet, die PartnerIn zu unterstützen.* Weiterhin ist gesetzlich vorgesehen, dass beide PartnerInnen sich sowohl um die finanzielle Versorgung, als auch um häusliche Verpflichtungen kümmern (Ministry of Justice 2000: 10 f.). In der Realität übernehmen jedoch auch in Schweden Frauen einen größeren Teil der Hausarbeit als Männer, wenn auch schwedische Männer sich aktiver an Hausarbeit beteiligen als deutsche (Eurostat 2006). Außerdem tragen beide Verantwortung für den Unterhalt der gemeinsamen Kinder, bis diese 18 oder maximal 21 Jahre alt sind – für den Fall, dass sie sich noch in der Grundausbildung (Grundschule/weiterführende Schule) befinden. EhegattInnen eines Elternteils sind den Kindern gegenüber ebenfalls unterhaltspflichtig. Diese Pflicht gilt allerdings nur, wenn der Unterhalt der beiden biologischen Eltern nicht ausreicht (Ministry of Justice 2000: 38 ff.).

Während der Ehe herrscht formale Gütertrennung zwischen den beiden PartnerInnen. Jede und jeder besitzt eigene Güter und ist verantwortlich für die eigenen Schulden. Allerdings wird dieser Grundsatz nicht durchgängig befolgt. Es gibt eine Art „versteckte Gütergemeinschaft“, die unter anderem mit der geschlechtsspezifischen Handhabung von Geld begründet wird. Während Männer eher große Investitionen tätigen, sind Frauen oft diejenigen, die Konsumgüter für die Familie beschaffen. Vollständige Gütertrennung würde so den „Investor“ der Familie, also den Mann, begünstigen. Auch in Bezug auf Schulden gibt es Abweichungen: Verschuldet sich eine EhepartnerIn, werden alle Gegenstände im gemeinsamen Haushalt als Eigentum der oder des Verschuldeten betrachtet. Ist die andere EhepartnerIn mit diesem Umstand nicht einverstanden, so ist er oder sie in der Beweispflicht. Außerdem wird, wenn darüber entschieden wird, ob die EhepartnerIn in der Lage ist, Schulden zurück zu zahlen, die finanzielle Situation der gesamten Familie betrachtet (Burman et al. 2004: 146 f.).

Im Falle einer Scheidung ändert sich das Verständnis von Eigentums-, Besitz- und Vermögensgegenständen. Das Eigentum der Eheleute wird als gemeinsam betrachtet. Somit wird es im Fall einer Scheidung zusammengelegt und daraufhin möglichst gleichmäßig auf beide verteilt. Zu dieser groben Regelung gibt es natürlich Ausnahmen. So wird persönliches Eigentum wie Kleidung oder persönliche Geschenke z.B. nicht in diese Rechnung mit einbezogen (Ministry of Justice 2000: 15 f.). Die Regelung der gleichmäßigen Verteilung wird mit der Rolle der Frau begründet, die in der Ehe in der Regel eher ökonomisch abhängig von ihrem Partner ist, da sie einen größeren Teil der Reproduktionsarbeit erledigt. Die daraus resultierende ungleiche Verteilung der Güter soll im Falle einer Scheidung nicht weiter verstärkt werden. Durch einen Ehevertrag können sich die PartnerInnen allerdings für andere Güterverteilungsregelungen im Scheidungsfall entscheiden (Burman et al. 2004: 146 f.).

Interessant ist an dieser Stelle, dass die Sicht auf die Stellung der Frau in der Ehe eine grundsätzlich andere wird, wenn es um nachehelichen Unterhalt geht (Burman et al. 2004: 145 ff.). Unterhalt wird nach einer Scheidung an die Beteiligten bezahlt, die wirtschaftlich zu schwach sind, sich selbst zu versorgen, womit im schwedischen Recht in der Regel Kinder gemeint sind (Ministry of Justice 2000: 11 f., 38 f.).* Bereits seit den 1970er Jahren ist Unterhalt an erwachsene Personen überaus unüblich (Burman et al. 2004: 145). Wenn überhaupt, so wird er nur über einen kurzen Zeitraum der finanziellen Not und Neuorientierung bezahlt. Dies hängt eng mit dem Prinzip des schwedischen Wohlfahrtsstaats zusammen, dass erwachsene Menschen, und somit Frauen wie Männer, vorrangig dazu verpflichtet sind, durch Erwerbsarbeit für sich selbst zu sorgen (Ministry of Justice 2000: 11). Nach der Scheidung ist nicht mehr die EhepartnerIn verpflichtet, für den Unterhalt der geschiedenen PartnerIn zu sorgen, wenn sie oder er es selbst nicht kann, sondern der Staat (Burman et al. 2004: 145). Im Vergleich zu Deutschland kann dies als eine sehr progressive Regelung betrachtet werden, die sich positiv auf die Geschlechtergleichstellung in der Existenzsicherung auswirkt, da eine gleichberechtigte Beteiligung am Arbeitsmarkt vorausgesetzt wird. Allerdings weisen die schwedischen Forscherinnen Monica Burman, Åsa Gunnarsson und Lena Wennberg (Burman et al. 2004) darauf hin, dass Frauen – und insbesondere Mütter – faktisch schlechter als Männer in den Arbeitsmarkt integriert sind. Dies hängt ihrer Ansicht nach unter anderem damit zusammen, dass sie diejenigen sind, die in der Beziehung mehr im häuslichen Bereich leisten als ihre Partner. Die Geschlechtsneutralität im Bezug auf nachehelichen Unterhalt wird also hier eher als falsche Neutralität oder Geschlechtsblindheit wahrgenommen, auch mit Bezug darauf, dass im Güterrecht andere Prinzipien gelten (Burman et al. 2004: 145 ff.).

Der nacheheliche Unterhalt wurde in den 1970er Jahren allerdings gerade abgeschafft, um die Geschlechtergleichstellung zu fördern und Frauen zu ermuntern, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Doch die Kritikerinnen sehen den Ansatz, durch Gesetze Realitäten zu schaffen, als gescheitert an (Burman et al. 2004: 145). Im Gegensatz dazu richten sich die Gesetze zu nachehelichem Unterhalt in Deutschland eher nach den Realitäten bzw. Bedürftigkeiten. Allerdings war und ist es wiederum nicht realistisch, dass der deutsche Staat durch seine Unterhaltsgesetzgebung wirklich erwarten darf, dass die auftretenden Bedarfslagen, die sich in erster Linie durch die traditionelle Arbeitsteilung während der Ehe ergeben, dann nach einer Trennung und Scheidung privat, d.h. durch verpflichtete Ehegatten gedeckt werden (vgl. Andreß et al. 2003). Zudem relativiert sich seit 2008 schon die durch das Scheidungsunterhaltsrecht noch dokumentierte Erwartung für Deutschland, dass das nacheheliche Unterhaltsrecht bei Frauen das Fehlen von ausreichendem Erwerbseinkommen ausgleichen könnte, da mit der Unterhaltsrechtsreform, die zum 1. Januar 2008 in Kraft trat, der nacheheliche Unterhalt für die geschiedenen Ehegatten rangmäßig hinter den Kindesunterhalt zurückgestuft und auch sonst noch weiter eingeschränkt wurde. Tatsächlich verzichteten schon lange vor dieser Reform sehr viele berechtigte Frauen von vornherein auf die Geltendmachung von Unterhaltsansprüchen, die ihnen an sich zustünden. Z.T. scheitern die Ansprüche auch – falls sie doch geltend gemacht werden – an der mangelnden Leistungsfähigkeit der Verpflichteten; in jedem Fall bleibt der wirtschaftliche Mangelzustand ein Problem der betroffenen Frauen und wird allenfalls zum Teil durch öffentliche Sozialleistungen gelindert. Das deutsche Scheidungsfolgenrecht und nacheheliche Unterhaltssystem kann deshalb keinesfalls als Beispiel für gelungene Gleichstellungspolitik dienen, das schwedische Scheidungsfolgenrecht erscheint jedoch als angepasst an die Möglichkeiten der Erzielung von Erwerbseinkommen und an die besser ausgebaute Arbeitsmarktförderung bei Arbeitslosigkeit.

Frauen auf dem Arbeitsmarkt

Auch wenn Burman u.a. darauf hinweisen, dass schwedische Frauen schlechter in den Arbeitsmarkt integriert sind als Männer, sind Frauen in Schweden im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr gut in den Arbeitsmarkt integriert. Die möglichen Gründe hierfür sind vielfältig, und wurden zum Teil schon genannt. Nicht unterschätzt werden sollte der immer wieder klar formulierte staatliche Standpunkt im Bezug auf die Existenzsicherung: Jede und jeder soll, sofern es möglich ist, zunächst ihren/seinen eigenen Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit sichern.

Das Modell der Hausfrauenehe wird nicht als gleichberechtigtes Modell des Zusammenlebens betrachtet und somit nicht als förderungswürdig oder unterstützenswert angesehen (Schwedisches Institut 2003; Pinl 2003). Eine solche Positionierung findet von Seiten des deutschen Staates bislang gerade nicht statt.

Das wichtigste Gesetz in diesem Zusammenhang ist das Gesetz zur Chancengleichheit (aktuelle Bezeichnung: Jämställdhetslag).* Es trat 1980 in Kraft, wurde 1992 von einer strengeren Version abgelöst und wurde seitdem durch weit reichende Regelungen ergänzt. Das Gesetz besteht aus zwei Teilen: Bestimmungen, die es dem Arbeitgeber untersagen, Personen aufgrund ihres Geschlechts zu benachteiligen und Bestimmungen, die aktive Maßnahmen zur Förderung der Gleichberechtigung am Arbeitsplatz vorschreiben. Im Gesetz wird sowohl direkte als auch indirekte Diskriminierung verboten. Diskriminierung liegt demnach vor, wenn eine Person auf Grund ihres Geschlechts nachteilig behandelt wird. Dieses Verbot gilt allerdings nicht bei Maßnahmen positiver Diskriminierung, wenn also eine Person auf Grund ihres Geschlechts (geringfügig) benachteiligt wird, um insgesamt die Gleichstellung am Arbeitsplatz zu fördern. Das Verbot der Diskriminierung bezieht sich auf die Stellenausschreibung, die Anstellungsbedingungen, die Art der Arbeit, die Beendigung des Beschäftigungsverhältnisses, Entgelt und Versetzungen. Außerdem müssen alle Arbeitgeber mit über zehn Beschäftigten jährlich einen Plan zur Förderung der Gleichstellung in ihrem Unternehmen aufstellen (Schwedisches Institut 2003).

2007 waren in Schweden 78,2 Prozent der Frauen und 82,9 Prozent der Männer Erwerbspersonen (Erwerbsquote). Der Vergleich mit Deutschland – 69,3 Prozent der Frauen und 81,7 Prozent der Männer – macht deutlich, dass in Schweden anteilig deutlich mehr Frauen erwerbstätig oder arbeitsuchend sind, während in Deutschland viele Frauen im erwerbsfähigen Alter als Nicht-Erwerbspersonen gelten. Außerdem ist die Arbeitslosigkeit in Schweden geringer (Frauen: 6,4 %, Männer: 5,9 %; Deutschland, Frauen: 9,1 %, Männer: 8,5 %). Auch schwedische Frauen sind im Bereich der Erwerbsarbeit also nicht mit Männern gleichgestellt, doch sie sind im Vergleich zu deutschen Frauen weniger benachteiligt (OECD 2008: 337 f.).

Noch deutlicher wird dies bei einer genaueren Betrachtung der Frauenerwerbstätigkeit. In Schweden arbeiteten 19,7 Prozent der erwerbstätigen Frauen und 9,5 Prozent der Männer Teilzeit im Jahr 2007. In Deutschland ist wiederum der Unterschied zwischen Männern und Frauen sehr viel größer: lediglich 7,9 Prozent der Männer, aber 39,2 Prozent der Frauen arbeiten hier Teilzeit (OECD 2008: 351). Ähnlich sieht die Situation im Bezug auf geschlechtsspezifische Einkommensunterschiede aus. Auch in Schweden verdienen Frauen weniger als Männer. In Deutschland betrug das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen allerdings 23 Prozent, in Schweden 17 Prozent (Eurostat 2006). Insofern besteht auch auf dem schwedischen Arbeitsmarkt eine Geschlechtersegregation. Frauen arbeiten außerdem oft in pflegenden und betreuenden Berufen und sind seltener in leitenden Positionen vertreten (Schwedisches Institut 2003). In diesem Bereich sind die Quoten in Schweden wiederum etwas besser als in Deutschland. 2004 waren 29,8 Prozent aller ManagerInnen in Schweden weiblich, in Deutschland waren es 26,4 Prozent (Eurostat 2006).

Soziale Sicherung im Falle von Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosenversicherung (arbetslöshetsförsäkring) ist in Schweden zweigeteilt. Einerseits gibt es eine auf das vorherige Einkommen bezogene Leistung, andererseits einen Grundbetrag. Dabei ist die Mitgliedschaft in einer Arbeitslosenversicherung freiwillig. Zurzeit gibt es 32 verschiedene Arbeitslosenversicherungs-Gesellschaften, die jeweils eng mit einer oder mehreren Gewerkschaft/en verknüpft sind und bei denen etwa 80 Prozent aller schwedischen ArbeitnehmerInnen Mitglied sind (Arbetslöshetskassornas samorgantisation/SO 2009f; TCO 2009).

Die einkommensbezogene Leistung beträgt während der ersten zweihundert Tage 80 Prozent des vorherigen Einkommens, danach 70 Prozent. Darauf hat Anspruch, wer erstens seit mindestens einem Jahr Mitglied in einer Arbeitslosenversicherung ist; zweitens im vorangegangenen Jahr mindestens ein halbes Jahr gearbeitet hat; drittens arbeitslos gemeldet ist; sich viertens aktiv um eine neue Anstellung bemüht; und fünftens darauf vorbereitet ist, ein „angemessenes“ Jobangebot anzunehmen (SO 2009a,b,d). Der maximale Betrag der Arbeitslosenversicherung ist allerdings so gering, dass lediglich etwa 20 Prozent der Arbeitslosen mit Anspruch auf den vollen Betrag wirklich 80 Prozent ihres vorherigen Lohnes erhalten (SO 2009d). In den ersten zweihundert Tagen des Bezugszeitraums kann das Arbeitslosengeld maximal 680 SK (65 Euro) pro Tag betragen (SO 2009b).* Nach Beendigung des Anspruchs auf Arbeitslosengeld wird vom Arbeitsamt geprüft, ob ein Platz in dem umfassenden Wiedereingliederungsmaßnehmen des Arbeitsamts (früher aktivitetsgaranti, jetzt jobb- och utvecklingsgaranti) vorhanden ist, und eine Teilnahme als sinnvoll erachtet wird (SO 2006b). Während der Wiedereingliederungsmaßnahmen haben die TeilnehmerInnen Anspruch auf so genannten aktivitetsstöd, der meist in etwa der Höhe des vorherigen Arbeitslosengeldes entspricht (Försäkringskassan 2006/Regeringskansliet 2007: 42/43).

Sie möchten weiterlesen?

Jetzt Premium-Mitglied werden und uneingeschränkt auf alle Fachinhalte zugreifen!

Premium-Mitglied werden
  • Zugriff auf alle Premium-Artikel der Seite!
  • Zusätzlicher Fach-Newsletter für 0,00 €

Sie sind bereits Premium-Mitglied?

  Login