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aus dem Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
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Reformstau trotz Gute-KiTa-Gesetz – Die Ausbilung „Erzieher_in“

Ausbildung

Erzieher_in (Fachschule)

Die Ausbildung der Erzieher_innen wurde 1942 aus den Höheren Mädchenschulen aus- und in das Berufsschulsystem eingegliedert. Die Bundesrepublik übernahm diese Regelung. Dabei wurde die Ausbildung nicht – wie andere schulische Berufsausbildungen – dem berufsfachschulischen, sondern dem fachschulischen Zweig zugeordnet. In der Literatur wird vielfach der Begriff „unechte Fachschule“ benutzt, setzen Fachschulen doch eigentlich eine abgeschlossene Berufsausbildung voraus, die die angehenden Erzieher_innen zumeist nicht vorweisen können. (Zu den „echten“ Fachschulen zählen bspw. die Meister- und Technikerschulen und im kaufmännischen Bereich die Ausbildung zum Fachwirt bzw. zur Fachwirtin.) Im Gegensatz zu den Auszubildenden im dualen System erhalten die Schüler_innen keine Ausbildungsvergütung (allenfalls Bafög) und oftmals sind sogar Schulgebühren* zu zahlen, denn mehr als die Hälfte (57 Prozent) der angehenden Erzieher_innen wird in privaten Schulen ausgebildet. Für die Fachschulen ist die Ausbildung der Erzieher_innen von großer Bedeutung, stellen sie doch vier von zehn Schüler_innen (Stat. Bundesamt 2018, Tabellen 2.11). Einige Schulen dürften auch auf die Einnahmen aus dem Schulgeld angewiesen sein.

Die Ausbildungszahlen sind im letzten Jahrzehnt erheblich gestiegen: zwischen den Schuljahren 2007/8 und 2012/13 allein um 60 Prozent. „Es werden so viele Erzieherinnen und Erzieher ausgebildet wie noch nie“, schreibt die Autorengruppe Fachkräftebarometer (2014: 73). Seither aber stagniert die Zahl nahezu. Im Schuljahr 2017/18 begannen 38.000 die Ausbildung.

Abb. 1: Wege in den Beruf Erzieher_in und darüber hinaus*

* Je nach Bundesland sind sowohl die Eingangsvoraussetzungen als auch die Übergangsmöglichkeiten unterschiedlich.

** Um in die Erzieher_innenausbildung einmünden zu können, ist bei Vorliegen eines nicht-einschlägigen Fachhochschulabschlusses oder einer allgemeinen Hochschulreife – je nach Bundesland unterschiedlich – eine sozialpädagogische Praxis von sechs Wochen bis zu einem Jahr nötig.

Quelle: Eigene Darstellung.

Voraussetzung für die Einmündung in eine Erzieher_innenfachschule ist bundesweit mindestens ein mittlerer Bildungsabschluss. Bei den darüber hinaus notwendigen Vorqualifikationen aber gibt es erhebliche Unterschiede (vgl. Abb. 1). „Die Vielfalt der länderspezifischen Zulassungsregelungen lassen Zweifel an einer vergleichbaren Gesamtqualifikation ‚Staatlich anerkannte Erzieherin/Staatlich anerkannter Erzieher‘ in Deutschland aufkommen.“ (Janssen 2010: 12). Und: „Von einer einheitlichen Ausbildungssituation für Erzieher_innen [kann] nicht die Rede sein“ (ebd. 11). Auch gibt es – anders als in weiten Bereichen der dualen Berufsbildung und seit einigen Jahren beim Abitur – keine zentralen Prüfungsaufgaben und auch die mündlichen Prüfungen nehmen die Fachschulen in eigener Regie ab. D. h., die Fachschulen überprüfen selbst, ob sie die Ausbildungsinhalte hinreichend vermittelt haben.

Seit dem Jahr 2000 gilt die KMK-Vereinbarung, dass – wie bei anderen Fachschulberufen auch – eine einschlägige abgeschlossene Berufsausbildung erforderlich ist. Mangels „einschlägiger“ Berufsausbildungen haben die Länder – in unterschiedlicher Weise – „die bestehende Möglichkeit genutzt, ‚gleichwertige‘ Qualifizierungen anzuerkennen oder auch zusätzliche ‚gleichwertige‘ Qualifizierungen einzuführen.“ Herausgekommen ist eine „irritierende Vielfalt der Regelungen“ (ebd.: 23). Von tätigkeitsnahen Berufsausbildungen in Hauswirtschaft, Pflege, Gesundheit, Rehabilitation bis hin zu Au-pair, Sozialem Jahr, Hausfrauenarbeit und einschlägigem Wehrdienst: Alles gilt in dem einen oder anderen Bundesland als einer abgeschlossenen Berufsausbildung gleichwertig. In einer Befragung der Projektgruppe ÜFA (2013: 13) gaben 73 Prozent der Schüler_innen an, sie seien vor der Ausbildung nicht erwerbstätig gewesen; ihre praktischen Erfahrungen hätten sie aus ehrenamtlichen Tätigkeiten, Vorpraktika und durch den Umgang mit eigenen Kindern oder Geschwistern gewonnen. Zehn Prozent verfügten über keinerlei Praxis. Die Ausbildung dürfte daher – zumindest mancherorts – eher einer berufsfachschulischen als einer fachschulischen entsprechen.

Eine besondere Rolle kommt der vorgeschalteten, zumeist zweijährigen berufsfachschulischen Ausbildung zum Sozialassistenten/zur Sozialassistentin“* zu. Sie wird als „abgeschlossene Berufsausbildung“ im Sinne des KMK-Beschlusses gewertet und ist in Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen sowie Baden-Württemberg und Bayern (dort „Kinderpflegerin“ genannt) Regelvoraussetzung (Weiterbildungsinitiative o. D.). Diese meist zweijährigen Assistenzausbildungen sind ein seltsames Konglomerat aus Chance, einen höheren Schulabschluss zu erreichen, Auffangbecken für Jugendliche (meist junge Frauen), die anderweitig – sei es wegen schlechter Schulnoten oder persönlicher Unreife – keinen Ausbildungsplatz fanden, und eben der Vorbereitung für den Eintritt in eine Erzieher_innenfachschule. Entwickelt wurde der Beruf den 1990er Jahren. Er sollte ein Grundberuf für Hauptschüler_innen sein, der in allen Feldern der sozialen Arbeit für Helfer_innentätigkeiten qualifiziert und zugleich zu einem mittleren Schulabschluss führen und damit den Zugang zur Erzieher_innenausbildung ermöglichen sollte (Janssen 2010: 26 f.). Zur Vorbildung „Sozialassistenz“ schreibt Rolf Janssen (2011: 32), „dass in die Ausbildung […] nicht gerade die jungen Leute mit den besten Mittleren Schulabschlüssen kommen“, und zur „Kinderpflegerin“: „Wer über diesen Weg in die Fachschulen oder Fachakademien für Sozialpädagogik gelangt, […] hat in der Fachschule oft die Grenze seiner Leistungsfähigkeit erreicht und muss häufig auch die Ausbildung abbrechen.“ Wer den mittleren Abschluss nicht schafft, oder trotz eines solchen Abschlusses nicht in die Erzieher_innenausbildung aufgenommen wird, hat das Zertifikat eines Helfer_innenberufs. In einigen Bundesländern gehen diese Helfer_innen den Erzieher_innen als Zweitkraft zur Hand, in anderen ist es den Kindertagesstätten untersagt, sie mit der Bildung und Erziehung der Kinder zu betrauen, womit ihnen ein Arbeitsplatz in Kindertagesstätten versperrt ist.

Das Berufsbild „Erzieher_in“ ist breit angelegt. Es zielt nicht nur auf Tätigkeiten in einer Tagesstätte, sondern auch auf solche in der Kinder- und Jugendarbeit, Erziehungshilfe, in Heimen und Ganztagsschulen. Doch die Chancen dort unterzukommen sind gering. Die Zahl der Stellen ist begrenzt und häufig wird ein Hochschulabschluss verlangt. Im Wesentlichen folgt nach der Ausbildung eine Tätigkeit in einer Kindertagesstätte. Allein schon die Klassifikation der Berufe (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 2010) verdeutlicht, dass es nur ein enges Spektrum von Tätigkeiten gibt, in die Erzieher_innen einmünden könnten. Betrachtet man die Berufe, aus denen Quereinsteiger_innen für den Erzieher_innenberuf gewonnen werden sollen, wird deutlich, dass ein Umstieg von Erzieher_innen in diese Berufe allein schon wegen des meist geforderten (einschlägigen) Hochschulabschlusses nicht möglich ist (vgl. Ostendorf 2016: 26 ff.). Hinzu kommt ein weiteres Manko, das der Beruf „Erzieher_in“ mit vielen Frauenberufen teilt: Eine mittlere Leitungsebene oder Funktionsstellen gibt es nicht, und für die Leitung einer Tagesstätte wird oftmals ein Hochschulabschluss vorausgesetzt. Zudem haben etliche kleinere Tagesstätten gar keine Leitung. Bei kirchlichen Einrichtungen z. B. übernimmt oftmals der Pfarrer bzw. die Pfarrerin oder ein Mitglied des kirchlichen Gemeinderats ehrenamtlich diese Aufgabe.

Kindheitspädagoge/Kindheitspädagogin (Hochschule)

Anfang der 2000er Jahre ergab sich ein „window of opportunity“ für die Professionalisierung des Berufs. Im Anschluss an den „Pisa Schock“, der Deutschland seinen neuerlichen „Bildungsnotstand“ (so Georg Picht in den 1960er Jahren) vor Augen führte, forderten insbesondere die Robert-Bosch-Stiftung, aber auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) eine bessere Qualifizierung der Erzieher_innen. Zeitgleich wurden allgemein die Studiengänge an Hochschulen auf Bachelor und Master umgestellt und anstelle von Landesministerien genehmigten nunmehr Akkreditierungsagenturen neue Studiengänge. Zudem wurde Berufserfahrenen ohne Abitur der Zugang zu Universitäten und Fachhochschulen erleichtert. 2017 gab es 72 früh pädagogische Bachelorstudiengänge an 55 Standorten, davon 82 Prozent an Fachhochschulen (Autorengruppe 2019: 137 f.*). Anfangs setzten sie häufig eine abgeschlossene Ausbildung zum/zur „Erzieher_in“ voraus, heute jedoch handelt es sich bei drei Vierteln um grundständige Studiengänge. In den letzten Jahren stagniert die Zahl der Studienanfänger_innen; 2017 betrug sie 3.500 (Deutsches Jugendinstitut, Weiterbildungsinitiative 2019: 11).

Es mehren sich die Anzeichen, dass diese Studiengänge auf Dauer nicht erfolgreich sein werden, denn viele der akademisch Ausgebildeten finden keine ausbildungsgemäße Arbeit, sondern müssen sich in den Kindertagesstätten zum Erzieher_innengehalt verdingen (s. u.). Auch sind manche Kita-Träger_innen bei der Einstellung von hochschulisch Qualifizierten zurückhaltend (Altermann 2015). Es wird befürchtet, dass sie Unruhe ins Team bringen. Mancherorts wird auch die Notwendigkeit einer akademischen Ausbildung als obsolet erachtet.* Kinder zu erziehen erscheint weiterhin als eine „Jede-Frau-Qualifikation“, nicht aber als Beruf und schon gar nicht als Profession.

Die Initiatoren und Initiatorinnen der Studiengänge hatten sicherlich gute – und berechtigte – Absichten, sie haben es aber versäumt, die Entscheidungsträger_innen mit „ins Boot“ zu nehmen, sie haben „das Pferd von hinten aufgezäumt“ (Ostendorf 2017). Vor allem hätten die Länderparlamente für die Akademisierung der Ausbildung gewonnen werden müssen, wobei nicht nur dort, sondern ganz besonders auch bei den Landesverwaltungen, den Verbänden der Träger_innen der Tagesstätten und den Fachschulen aufgrund ihrer jeweiligen Eigeninteressen erhebliche Widerstände zu erwarten gewesen wären – und sind.

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