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Medusa – ein männermordendes Ungeheuer?

Mythen können uns viel über das Geschlechterbild vergangener Zeiten verraten. Auch auf heutige Wahrnehmungen haben mythologische Gestalten immer noch Einfluss. Begeben Sie sich mit uns auf eine Reise und entschlüsseln Sie die Darstellung von Frauen und Männern in der Mythologie. Heute: Medusa.

Der Mythos

Medusa ist eine der bekannteren Figuren aus der griechischen Mythologie: Oft wird sie als tödliche männermordendes Monstrum dargestellt.

In frühen Erzählungen werden Medusa und ihre Schwestern Stheno und Euryale, Kinder der Götter Phorkys und Keto, als von Geburt an missgestaltet beschrieben. Gegen Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. änderte sich die Darstellung von Medusa: Als schöne und junge Frau wird Medusa von vielen Männern begehrt. Doch Medusa wollte unberührt bleiben, um als Priesterin der Athene, Göttin der Weisheit, zu dienen.

Auch der Gott des Meeres, Poseidon, erlag ihrem Äußeren. In dem Tempel der Athene vergewaltigte Poseidon Medusa und raubte ihr so die Jungfräulichkeit. Die keusche Athene, die kein Mitleid mit Medusa hatte, war über das Treiben erzürnt und verwandelte Medusa in ein Wesen mit Schlangenhaaren, langen Schweinshauern, Schuppenpanzer, bronzenen Armen, glühenden Augen und heraushängender Zunge. Jeder Sterbliche, der Medusa nun erblickte, erstarrte zu Stein.

Perseus mit dem Haupt der Medusa
Quelle: Bild von mdcbrazil auf Pixabay

Im Gegensatz zu ihren Schwestern war Medusa sterblich und wurde, nachdem ihr bereits einige zum Opfer gefallen waren, von Perseus, einem sterblichen Sohn des Zeus, durch einen Trick enthauptet. Athene erhielt den Kopf des Ungeheuers, welches sie selbst erschaffen hatte. Das Blut der Medusa wurde in Phiolen aufgefangen, um damit Tote wieder zum Leben zu erwecken oder Lebende tödlich zu vergiften.

Daneben gibt es aber noch eine weitere Medusa in der griechischen Mythologie, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ein und dieselbe Figur wie das Schlangenungeheuer ist:

Die zweite Medusa, die Nymphe der Hesperiden, bewachte die goldenen Äpfel der Hera. Sie war die Schlangengöttin der lybischen Amazonen und ihr Blut konnte sowohl Leben kreieren als auch den Tod bringen. Es ist anzunehmen, dass damit das Menstruationsblut gemeint ist. Viele Naturvölker glaubten, dass der Blick einer menstruierenden Frau einen Mann in Stein verwandeln kann.

Was steckt hinter dem Mythos?

Im ersten Moment erscheint der Medusa-Mythos recht simpel. Die schöne Frau wird durch ihre – unfreiwillige – Unkeuschheit zur Versinnbildlichung des weiblichen Bösen. Nur ein Mann kann sie durch den Tod erlösen.

Nun gibt es verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Die Autorin des Blogs „Gedankensalat…“ sieht in der Darstellung die gewaltvolle Unterdrückung der weiblichen Sexualität, da es ihrer Ansicht nach kein anderes Verbrechen außer Medusas Schönheit gibt. Ihrer Schlussfolgerung nach wurde Medusa bestraft, da eine schöne Frau, die Männer betört, eine Gefahr darstellt.

Auch Rostek Lühmann (1995) sieht kein anderes Vergehen außer Medusas schönes Äußeres. Die Reaktion Athenes bezieht sich seiner Meinung nicht auf die Abscheu der beobachteten Untat, sondern der beobachteten Lust.

Mit der Bestrafung unterstellt sie der Gorgo empfundene Lust, gibt dieser die Schuld am Verlust der Jungfräulichkeit und der Entweihung des Heiligtums und straft sie mit der Verwandlung ihrer Hauptattraktion. Die männerherausfordernde Schönheit, die der keuschen Göttin ein wahrer Dorn im Auge gewesen sein muss, erhält nun die Qualität des Männermordens.1

Eine weitaus positivere Interpretation, welche sich sowohl bei Lühmann als auch auf dem Blog „Artedea“ findet, ist die Annahme, dass Medusa von Athene mit der Entstellung nicht bestraft wird, sondern sie vor der Lust der Männer geschützt wird. Diese Interpretation scheitert jedoch an der nachfolgenden Handlung, in der Athene Perseus unterstützt, Medusa zu töten.

Auffällig ist auf jeden Fall, dass Medusa ihre Macht erst durch den Verlust ihrer Schönheit gewinnt. Viele weibliche griechische mythologische Figuren, die mächtig sind, können der Kategorie Ungeheuer zugeordnet werden, während schöne Frauen, wie zum Beispiel Persephone, den aktiven Handlungen des Mannes ausgesetzt sind. Medusa ist die Versinnbildlichung der Angst der Männer vor übermächtigen Frauen. Eine Frau, deren Blick genügt, um den Mann zu unterjochen. Im Medusa-Mythos begeben sich viele Männer auf die Reise, um der Gorgonin (Schreckgestalt) den Kopf abzuschlagen und sich dessen Macht anzueignen. Auch von historischen Persönlichkeiten wurde ihre Macht durchaus anerkannt. So trug zum Beispiel Alexander der Große ein Abbild der Medusa auf seiner Brustplatte.

Ein einheitliches Bild der gesellschaftlichen Rolle der Frau gibt es im damaligen Griechenland im Übrigen nicht. Es gab viele konkurrierende Stadtstaaten. Die größten Unterschiede finden sich jedoch wohl in Sparta und Athen.

In Sparta wurden Mädchen durchaus mit dem Ziel sportlicher Tüchtigkeit erzogen und maßen sich mit den Jungen im Wettkampf. Durch die vermehrte Abwesenheit der Männer im Krieg, besaßen die spartanischen Frauen für die damaligen griechischen Verhältnisse viele Rechte. Von den Athenerin wurden sie für ihre erotische Kleidung (der Blick auf die Schenkel war frei) kritisiert. Vielleicht wurden sie auch eher beneidet, denn die athenischen Frauen erhielten keinen Unterricht (nur Einweisung in den Haushalt), Ehefrauen nahmen nicht am gesellschaftlichen oder kulturellen Leben teil, sie besaßen kein Bürgerrecht, durfte keine Geschäfte abschließen oder selbstständig in Prozessen auftreten. Tatsächlich wurden Töchter mit dem Tod des Vaters sogar vererbt.

Medusas Geschichte lässt sich somit eher mit den griechischen Frauen aus Athen vergleichen. Sie ist den Handlungen der Männer ausgesetzt, denn irgendwo ist auch Athene mehr eine männliche als eine weibliche Figur. Athene entspringt weder einem mütterlichen Schoß, sondern dem männlichen Kopf. Sie ist die jungfräuliche Kriegerin, die ihrem Vater Zeus völlig ergeben ist und über der Verfehlung des männlichen Gottes Poseidon hinwegsieht. Die Frage, ob sein Vergehen ungeschoren bleibt, weil er männlich oder weil er göttlich ist, bleibt unbeantwortet.

Das Medusa als Opfer die Schmach der Strafe von Athene ertragen muss, lässt sich hingegen durchaus auf ihr Geschlecht beziehen. Während das Gebot der Reinheit von Priestern nicht nur für Frauen galt, verlor eine Frau ihren Heiratswert nach dem Geschlechtsakt, auch wenn dieser nicht vor ihr gewollt war. Poseidon, der sich zu diesem Zeitpunkt bereits in der Ehe befand, machte sich im Übrigen nicht des Ehebruchs schuldig. Affären mit Sklavinnen oder unverheirateten Frauen wurden im antiken Griechenland nicht geahndet. Während auf eine Frau bei diesem Vergehen durchaus das Todesurteil ausgesprochen werden konnte. Die Frau war damals der Besitz des Mannes und musste nicht nur in den mythologischen Geschichten für das Vergehen dieser bezahlen.

Quellen und Hintergründe:





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