Werden Sie Premium-Mitglied!
Als Premium-Mitglied profitieren Sie uneingeschränkt von allen Inhalten.
Jetzt gratis Newsletter abonnieren!
Beiträge
aus dem Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Beiträge lesen >>
 

Möglichkeiten und Grenzen aktiver Vaterschaft: Die Seite der privaten Lebensführung

Möglichkeiten und Grenzen aktiver Vaterschaft: Die Seite der privaten Lebensführung

Einige Monate nach den Väter-Interviews wurden Interviews mit beiden Partnerinnen geführt. Zu diesem Zeitpunkt hat Herr A. die Führungsposition übernommen, die er eigentlich aus Familiengründen nicht angestrebt hatte. Herr B. denkt darüber nach, wie er seine Elternzeit beim zweiten Kind gestalten möchte.

Um erklären zu können, wie es dazu gekommen ist, lohnt sich ein Blick auf die private Lebensführung der beiden Väter (Alemann/Beaufaÿs 2015). Obgleich die Betriebe wichtige Bedingungen für die Verwirklichung aktiver Vaterschaft bereitstellen, liegt es nicht allein an ihnen, ob Väter ihre Lebensziele im familiären und beruflichen Bereich verwirklichen können. Denn auch die familialen Arbeitsteilungsarrangements und die langfristigen privaten Entscheidungen (Partnerwahl, Lebensform, Wohnort und Wohnform, Konsum und Vermögen, Ausbildung, Kinderzahl und Alter bei Familiengründung) spielen eine wichtige Rolle, denn sie schaffen Konstellationen, die mit den betrieblichen Konstellationen interagieren können. Dies zeigt ein Blick auf die Lebensverhältnisse der Familien A. und B.

Zum Zeitpunkt des Interviews hat Frau A. ihre Teilzeitstelle in ihrer bisherigen Zahnarztpraxis gekündigt. Sie hatte diese Praxis gewählt, da sie sich dort auf Grund der Ausrichtung der Praxis beruflich weiterentwickeln konnte, war allerdings mit ihrer beruflichen und familiären Situation unzufrieden. Ausschlaggebend für die Kündigung ihrer Stelle waren nicht nur die Mehrarbeit, die sie selbstverständlich leisten sollte, sondern auch die regelmäßigen Früh- und Spätschichten, die sich nicht gut mit den Familienzeiten vereinbaren ließen und ihren Vorstellungen von Familienleben widersprachen. Aus diesem Grund hat sie bewusst nach einer Halbtagsstelle in einer weniger anspruchsvollen Praxis ohne Karriereaussichten gesucht und zum Zeitpunkt des Interviews auch eine entsprechende Stelle gefunden.

Frau B. blieb nach der Geburt des ersten Kindes sechs Monate zu Hause. Sie hätte gern eine längere Elternzeit genommen, ihr wurde allerdings signalisiert, dass sie als Teamleiterin nicht länger als ein halbes Jahr abwesend sein sollte. Herr B. hat daraufhin ebenfalls sechs Monate Elternzeit genommen, um seiner Frau den Wiedereinstieg zu ermöglichen, und arbeitet während dieser Zeit Teilzeit im Homeoffice. Inzwischen plant Frau B. allerdings, die Teamleitung abzugeben, da sie sonst eine sechsstündige tägliche Präsenzpflicht im Unternehmen hätte.

Die Entwicklungen in beiden Familien zeigen die Bedeutung partnerschaftlicher Arbeitsteilungsarrangements. In diese Arrangements gehen nicht nur Wünsche und Bedürfnisse beider Partner ein, sondern auch wahrgenommene Anforderungen von Arbeitsmarkt, Familie und sozialem Umfeld sowie (bewusste und unbewusste) Geschlechterkonstruktionen und Leitbilder beider Partner: Leitbilder der Mütter- und Väterlichkeit, von Berufstätigkeit und Familienleben (Schneider et al. 2015).

In den Interviews mit Herrn und Frau A. werden kaum Aushandlungsprozesse geschildert. Beide richten ihre Entscheidungen an den angenommenen Bedürfnissen des Partners bzw. der Partnerin aus: Während Herr A. annimmt, dass seiner Partnerin die mit dem Kind verbrachte Zeit (noch) wichtiger ist als ihm, geht Frau A. davon aus, dass sie ihn auf Grund seiner anstrengenden Berufstätigkeit nicht stärker in die Familienarbeit einbinden kann. Zwar würde sie sich wünschen, dass Herr A. weniger arbeitet und dafür mehr Zeit mit dem gemeinsamen Kind verbringen kann. Dafür wäre sie auch bereit, selbst mehr zu arbeiten. Andererseits unterstützt sie sein berufliches Fortkommen, weil sie ihn als Haupternährer sieht. Herr A. wiederum versteht sich als Unterstützer seiner Partnerin, die Anforderungen seines Arbeitgebers haben jedoch für ihn Priorität. Seine langen Arbeitszeiten sind für ihn „gesetzt“ (Alemann/Beaufaÿs 2015: 6), während seine Partnerin seit der Familiengründung diverse Zugeständnisse an ihre Berufstätigkeit gemacht hat. Während Herr A. den Verzicht auf Familienzeit in Kauf nimmt, verzichtet Frau A. auf ihre berufliche Weiterentwicklung. Dadurch geraten beide allerdings in eine Situation, die Herrn A.s Vollzeitarbeit aus der Sicht beider Partner langfristig notwendig macht. Herr A. gerät so noch stärker unter den Druck der rigiden Arbeitszeit- und Karrierenormen in seinem Unternehmen.

Hingegen wurden bei Familie B. von Anfang an klare Absprachen getroffen. Herr und Frau B. haben ihre Arbeitsteilung bewusst geplant, und beide fühlen sich dafür verantwortlich – auch wenn sie das Lebensmodell ihrer partnerschaftlichen Arbeitsteilung vor allem im ersten Lebensjahr ihres älteren Kindes als sehr anstrengend beschreiben: „Wir haben es in der Anfangszeit so gemacht, […] einer ging zur Arbeit, der andere war zu Haus. […] Dann hat der, der als erster hier bei der Arbeit war, seine Sachen gepackt, ist nach Hause, und wir haben uns die Klinke in die Hand gegeben. Dann ist der nächste als Kinderbetreuer tätig geworden mit nebenbei Bereitschaft am Heimarbeitsplatz, und der andere war hier [am Arbeitsplatz]. Also das war fast so ein Jobsharingmodell als Witz, hin und her“ (interne Projektdokumentation). Beide Partner wollten jedoch ihr Engagement im Beruf auch nach der Familiengründung weiter verfolgen, und beide wollten ihr Kind so viel wie möglich selbst betreuen.

Literatur

Alemann, Annette von, 2017: „Scheinheiligkeit“ von Organisationen: Paradoxien und Tabus. Das Beispiel der Vereinbarkeit und väterlichen Lebensführung. In: Funder, Maria (Hg.), Neo-Institutionalismus – Revisited. Bilanz und Weiterentwicklungen aus der Sicht der Geschlechterforschung. Ein Handbuch. Baden-Baden: Nomos, 415 – 438.

Alemann, Annette von/Beaufaÿs, Sandra, 2015: Die Verteilung von Care und Karriere bei Vätern: Reproduktionsarbeit als Ungleichheitsdimension zwischen Männern? In: Lessenich, Stephan (Hg.), Routinen der Krise – Krise der Routinen. Verhandlungen des 37. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Trier 2014. Internetpublikation: http://publikationen.soziologie.de/index.php/kongressband/article/view/282 (Zugriff: 28. März 2019).

Sie möchten weiterlesen?

Loggen Sie sich mit Ihrem Premium-Account ein oder erhalten Sie jetzt freien Tageszugang mit der Bestellung unseres Newsletters!

Jetzt gratis weiterlesen!
  • Zugriff auf alle Premium-Artikel der Seite!
  • Keine Kündigung erforderlich (Premium-Zugang endet automatisch)
  • Gratis und unverbindlich!
  • Zusätzlicher Fach-Newsletter für 0,00 €

Sie sind bereits Premium-Mitglied?

  Login