Werden Sie Premium-Mitglied!
Als Premium-Mitglied profitieren Sie uneingeschränkt von allen Inhalten.
Jetzt gratis Newsletter abonnieren!
Beiträge
aus dem Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Beiträge lesen >>
 

Linguistische Kriterien und Argumente für geschlechtergerechten Sprachgebrauch

Grundsätzliches, Voraussetzungen und Positionierung

Dieser Beitrag ist aus der Perspektive der germanistischen Linguistik geschrieben. Er befasst sich mit den Grundlagen des deutschen Sprachsystems und seinen Möglichkeiten und Schwierigkeiten, geschlechtergerechte Sprache umzusetzen. Daher ist es sinnvoll festzuhalten, welche Voraussetzungen als gegeben angenommen und nicht weiter besprochen werden, bzw. welche Aspekte des großen Themas eines gerechten Sprachgebrauchs nicht behandelt werden. Im Rahmen dieses Rechtshandbuchs und seiner RezipientInnengruppen betrachte ich folgende Vorannahmen als konsensuellen gemeinsamen Hintergrund:

Der Gleichstellungsauftrag ist rechtlich und gesellschaftlich verankert, über die Notwendigkeit seiner Umsetzung muss nicht diskutiert werden. Der zentrale rechtliche Bezugspunkt ist Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes sowie die jeweiligen nachgeordneten, länder- und institutionsspezifischen rechtlichen Rahmenbedingungen.*

Sprache, geschlechtergerechte Sprache, ist ein wesentliches Mittel zur Verwirklichung des Gleichstellungsauftrags. Die Erforschung, was im Einzelnen als geschlechtergerechte Sprache zu werten ist und vor allem ihre Anwendung und Umsetzung im öffentlichen, institutionellen Sprachgebrauch, sind ein wichtiges wissenschaftliches und gesellschaftlich relevantes Unterfangen.

Die jeweils geltenden rechtlichen Vorgaben, Leitfäden und Umsetzungsrichtlinien für geschlechtergerechte Sprache sind bekannt.* Die RezipientInnen dieses Beitrags kennen die geläufigen Vorschläge zum Gebrauch geschlechtergerechter Sprache, d. h. die üblichen Mittel der Sichtbarmachung von Frauen und Männern und der Neutralisierung. Zur Sichtbarmachung sind v. a. üblich Beidnennung wie Touristinnen und Touristen, Fachmänner und Fachfrauen, Schrägstrich-/Bindestrich- und Klammerformen wie Lehrer/-in, Lehrer(in) und das Binnen-I wie BesucherIn; Mittel der Neutralisierung sind u. a. geschlechtsindifferente Benennungen wie Fachkraft sowie die Abstraktion i.) durch Nennung von Institution bzw. Funktion statt der Personen wie das Ministerium, die Verwaltung, ii.) durch Kollektivbegriffe wie Personal, Fachleute und iii.) durch Umformulierungen mit Hilfe passivischer Konstruktionen wie Der Nachweis ist einzureichen statt X muss den Nachweis einreichen etc.

Im Zentrum des Interesses stehen sprachliche Formen im beruflichen Kontext, d. h. öffentliche und institutionelle Texte. Unter „Text“ wird hier jede zusammenhängende, in sich abgeschlossene sprachliche Äußerung verstanden, also nicht nur schriftlich formulierte und verbreitete Texte, sondern auch in den entsprechenden beruflichen Kontexten vorgetragene mündliche Äußerungen, zum Beispiel Grußworte, Anweisungen an eine Gruppe, mündlich vorgetragene Sachverhaltsdarstellungen vor Gremien, in Sitzungen etc.

Die Forderung nach geschlechtergerechter Sprache ist kein Zensurversuch des individuellen, privaten Sprachgebrauchs von Einzelpersonen. Es geht nicht um die Etablierung einer „Sprachpolizei“, wie in der medialen Diskussion gelegentlich unterstellt wird, sondern darum, den Gleichstellungsauftrag in öffentlichen Kontexten angemessen umzusetzen.

Trotz der gesamtgesellschaftlichen Übereinkunft, dass geschlechtergerechte Sprache ein wichtiges Instrument der Gleichstellung ist, ist die praktische Umsetzung in der Fläche alles andere als zufriedenstellend. Dies merkt auch Hornscheidt 2015 an mit der Feststellung: „eine grundlegende Sprachveränderung im öffentlichen Raum zu Doppelformen (Ärztinnen und Ärzte), Binnen-I (RichterIn) oder Schrägstrichen (Forscher/innen) hat bis heute in Deutschland immer noch nicht stattgefunden“ [Seite 6 des nichtpaginierten PDF].*

Aus diesen vorausgeschickten Überlegungen ergibt sich die Zielsetzung. Es geht im Folgenden nicht darum, bereits Bekanntes und Akzeptiertes zu wiederholen (also einen weiteren Leitfaden zu präsentieren), sondern darum, einige linguistische Fakten und Argumentationsfiguren als Hintergrundwissen bereitzustellen. Denn es hat sich gezeigt – in der Praxis ebenso wie in der Forschung* –, dass die konkrete Umsetzung von sprachlichen Gleichstellungsbemühungen selbst bei überzeugten und engagierten Personen auf Schwierigkeiten stößt. Die in den Leitfäden genannten Mittel sind einleuchtend, aber oft schwer anzuwenden, da das Verfassen eines gut verständlichen und ästhetisch ansprechenden geschlechtergerechten Textes neben dem Bewusstsein über Intention, Zielgruppe, Textsorte und institutionelle Regelungen auch Kenntnisse über linguistische Fakten erfordert, aus denen sich die Wahl der jeweils am besten geeigneten sprachlichen Ausdrucksweise herleiten lässt. Ferner sollen diese Ausführungen Material bereitstellen, das geeignet ist, regelmäßig vorgetragene Ressentiments gegen geschlechtergerechte Sprache zu entkräften.

Bevor wir uns jedoch den sprachlichen Strukturen des Deutschen im Hinblick auf ihr Potenzial zu Geschlechtergerechtigkeit zuwenden können, muss ein strittiger Punkt angesprochen werden.

Es geht um die Klärung, was genau die Reichweite des Begriffs „geschlechtergerecht“ sein soll und wie dieser Beitrag sich diesbezüglich positioniert. Während in den Anfängen der feministischen Sprachkritik die Unterscheidung von zwei Geschlechtern – Frauen und Männern – unhinterfragt als Hintergrund für gendergerechte Sprache angesetzt wurde, liegen heute verschiedene Konzepte zum Thema Geschlecht und Gender vor. Ausgehend von der Tatsache, dass nicht bei allen Menschen das biologische Geschlecht eindeutig feststeht und dass nicht alle Menschen eine der beiden Kategorien „Frau“ oder „Mann“ für sich selbst als zutreffend betrachten, wird u. a. im Kontext der Gender Studies über andere Geschlechter- bzw. Genderkonzepte geforscht und diskutiert. Auch für die sprachliche Benennung anderer Geschlechter werden verschiedene Vorschläge gemacht. Vereinfacht gesprochen wiederholt sich hier die Unterscheidung zweier Prozeduren, die oben schon bei der Nennung der Strategien zur Anwendung geschlechtergerechter Sprache im herkömmlichen Sinn angesprochen wurde: Sichtbarmachung einer nun unbestimmten Zahl von Geschlechtern, die jedoch größer als zwei ist, oder Neutralisierung des Konzepts Geschlecht / Gender in allen sprachlichen Kontexten, in denen es nicht relevant ist. Unter den neueren Lösungsvorschlägen sind – um die bekannteren exemplarisch anzuführen – der Unterstrich und der Genderstern, jeweils in statischer oder dynamischer Variante (

Sie möchten weiterlesen?

Loggen Sie sich mit Ihrem Premium-Account ein oder erhalten Sie jetzt freien Tageszugang mit der Bestellung unseres Newsletters!

Jetzt gratis weiterlesen!
  • Zugriff auf alle Premium-Artikel der Seite!
  • Keine Kündigung erforderlich (Premium-Zugang endet automatisch)
  • Gratis und unverbindlich!
  • Zusätzlicher Fach-Newsletter für 0,00 €

Sie sind bereits Premium-Mitglied?

  Login