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Linguistische Kriterien und Argumente für geschlechtergerechten Sprachgebrauch – Einige „Stolpersteine“ und „Pluspunkte“

Einige „Stolpersteine“ und „Pluspunkte“ für Geschlechtergerechtigkeit im Deutschen*

Wenn wir die innersprachlichen Gegebenheiten des Deutschen im Hinblick auf die Möglichkeiten geschlechtergerechter Sprache erkunden wollen, dann ist zunächst eine Unterscheidung von sprachlichen und außersprachlichen Bereichen vorzunehmen. Sprache ist einerseits ein nach internen Regeln strukturiertes Instrument, um unsere Gedanken zu formen und diese in strukturierte, d. h. auch mitteilbare Einheiten zu verpacken. Das Inventar an Ausdrucksmitteln und die Regeln ihrer Zusammensetzung sind im Prinzip von außersprachlichen Bedingungen unterscheidbar und in großen Teilen unabhängig davon zu beschreiben. Andererseits dient Sprache dazu, unsere Intentionen und Wahrnehmungen, d. h. Außersprachliches, zum Ausdruck zu bringen. Wir benutzen Sprache zur Darstellung von Gegenständen und Sachverhalten der „Welt“, so wie sie uns jeweils erscheinen. Um diese Tatsache mit Bezug auf den Bereich Sprache und Geschlecht abzubilden bzw. operationalisierbar zu machen, hat sich in der Linguistik die Unterscheidung von vier Schichten von „Geschlecht“ eingebürgert. Nach Bußmann & Hellinger 2003 stellen sich diese vier Schichten wie folgt dar: (1) grammatisches Geschlecht (Genus), (2) semantisches bzw. lexikalisches Geschlecht (die distinktiven Bedeutungsmerkmale in Wörtern) (3) soziales Geschlecht (Gender, d. h. die gesellschaftlichen Stereotype, die angeblich definierenden Eigenschaften und Verhaltensweisen von Frauen und Männern), (4) biologisches Geschlecht (auch: natürliches Geschlecht, Sexus). Die ersten beiden Schichten, das grammatische Genus und das lexikalische Geschlecht, sind innersprachlich zu verorten, das soziale Geschlecht (Genderrollen) und das biologische Geschlecht haben primär außersprachliche Verankerung. Allerdings interagieren diese Ebenen auf komplexe Weise. Wir betrachten hier vor allem einige Eigenheiten der innersprachlichen Schichten.

Grammatik. Die meisten Erscheinungen, die alltagssprachlich als „Grammatik“ erfasst werden, enthalten Regeln der innersprachlichen Ordnung und Strukturierung. So ist zum Beispiel im Satzbau des Deutschen die Wortstellung ganz wesentlich über die Positionierung des Verbs und seiner Bestandteile gesteuert. Wir unterscheiden zwischen drei Positionen: Erststellung des Verbs (1) die Zweitstellung des Verbs (2) und die Endstellung des Verbs (3):

  • 1) Gib mir bitte das Buch! oder Gibst du mir das Buch?

  • 2) Ich gebe dir das Buch.

  • 3) …, dass du mir das Buch gibst.

  • Die im Detail sehr komplexen Regeln, wann eine der drei Stellungsvarianten jeweils anzuwenden ist, sind den muttersprachlich Sprechenden nicht bewusst (es sei denn, es handelt sich zugleich um sprachlich besonders interessierte oder entsprechend ausgebildete Personen), d. h. sie können die Regeln, nach denen sie selbst vorgehen, nicht formulieren. Doch sie folgen ihnen „automatisch“ und machen hier normalerweise keine Fehler. Regeln wie diese sind rein sprachintern beschreibbar.

    Auch die grammatische Kategorie Genus mit ihrer Dreiteilung in Maskulinum, Femininum und Neutrum ist zum großen Teil eine innersprachliche Gliederung, die alle Substantive des Deutschen einer dieser drei Unterklassen fest zuordnet. Eine außersprachliche Motivierung ist hierbei im Allgemeinen nicht zu erkennen (siehe aber unten). Von der „Bedeutungslosigkeit“ der Genuszuweisung bei Substantiven kann man sich schnell überzeugen, wenn man Ausdrücke wie die Lampe, der Schirm, das Kabel oder die Arbeitsstelle, der Arbeitsplatz, das Arbeitsverhältnis betrachtet. Die Zuordnung eines Substantivs zu einem bestimmten Genus ist semantisch nicht begründbar. Es wäre absurd den Substantiven Lampe oder Arbeitsstelle das semantische Merkmal ‚weiblich‘, den Substantiven Schirm und Arbeitsplatz hingegen das semantische Merkmal ‚männlich‘ zuzuordnen. Auch die Substantive Kabel und Arbeitsverhältnis haben kein semantisches Merkmal, das auf irgendein lexikalisches Geschlecht hin interpretiert werden könnte.

    Muttersprachlich Sprechende haben die richtige Zuweisung des Genus bei Substantiven im Spracherwerb (unbewusst) erlernt und haben dementsprechend (meist) keine Zweifel: Sie ordnen den Substantiven ihr jeweiliges Genus richtig zu. Stellt man beispielsweise die Frage nach dem Genus von Kanne kommt im Allgemeinen ohne Zögern die Antwort die Kanne; ähnlich bei Topf > der Topf oder bei Gefäß > das Gefäß usw. usf. Wenn jemand Deutsch als Fremdsprache lernt, muss diese Zuordnung aktiv erlernt werden. Außersprachliche Kriterien helfen hier nicht, einfach deshalb, weil Außersprachliches hier keine erkennbare Rolle spielt und damit auch keine Entscheidungshilfe liefert.

    Eine für geschlechtergerechten Sprachgebrauch folgenschwere Ausnahme sind hier Personenbezeichnungen, da sie in vielen Fällen ein bestimmtes grammatisches Genus mit einem bestimmten lexikalischen oder auch biologischen Geschlecht verbinden. Das grammatische Genus Femininum ist oft Wörtern zugeordnet, die weibliche Personen bezeichnen, das grammatische Genus Maskulinum findet sich oft an semantisch männlichen Substantiven (die Tante, der Onkel, die Schwester, der Bruder, die Frau, der Mann; doch es gibt Ausnahmen: das Weib, das Mädchen, die Memme, das Bürschchen, der Vamp usw.).

    Im Plural ist die Unterscheidung der drei Genera in allen Fällen neutralisiert, d. h. es gibt nur eine nach Genus undifferenzierte Form, vgl.:

  • 4) Die Lampen entfalten ihre Leuchtkraft.

  • 5) Die Schirme sind weg; wir haben sie im Zug vergessen.

  • 6) Die Kabel, die unter Putz liegen, müssen erneuert werden.

  • Während das Genus bei den Substantiven auf einen Wert festgelegt ist, haben andere nominale Wortarten flexible Genusmarkierungen, d. h. sie können im Singular jedes der drei Genera zum Ausdruck bringen; im Plural weisen sie wie die Substantive Genusneutralisierung auf. Genusvariable Wortarten sind Artikelwörter (der, eine, dieses, keine, dein etc.), Pronomina (er, sie, es, jener, diese, welche), Adjektive (alt, hölzern) und Partizipien (lesend, erholungsuchend, studierend, gelesen, geehrt, eingeschlossen). In der Auswahl richten sie sich entweder nach dem Genus „ihres“ zugeordneten Substantivs (grammatische Kongruenz) oder nach dessen Bedeutung (semantische Kongruenz, s. u.). Beispielsweise passen sich beim Ausdruck eine neue Arbeitsstelle der Artikel und das Adjektiv dem Genus des Substantivs, also dem Femininum, an; eine andere Genusrealisierung (Maskulinum oder Neutrum) wäre hier falsch: *ein neuer Arbeitsstelle, *ein neues Arbeitsstelle (* bezeichnet ungrammatische Formen). Bei der Wiederaufnahme durch verweisende Pronomina im Text kann das Pronomen entweder grammatisch mit dem Bezugsausdruck übereinstimmen (grammatische Kongruenz), oder das lexikalische Genus übernehmen; dann spricht man von semantischer Kongruenz. In (7) und (8) liegt grammatische Kongruenz, in (9) hingegen semantische Kongruenz vor:

  • 7) Die Firma hat einen Rundbrief an ihre Kundschaft verschickt. Sie wirbt darin für neue Produkte.

  • 8) Das Mädchen, das mit dem Musikpreis ausgezeichnet wurde, erhält heute seine Urkunde.

  • 9) Das Mädchen ist mit dem Musikpreis ausgezeichnet worden. Sie nimmt heute ihre Urkunde entgegen.

  • In bestimmten Fällen besteht somit die Wahl, entweder die grammatischen Markierungen oder die Bedeutungsmerkmale der Wörter als bestimmend für die kongruierenden Formen zu betrachten.

    Ein weiterer Bereich der Interaktion zwischen dem grammatischen Geschlecht und dem biologischen und/oder lexikalischen Geschlecht findet sich bei substantivierten Adjektiven und Partizipien. In ihrem prototypischen Gebrauch beschreiben diese Wortarten keine Personen, sondern Eigenschaften (grün, gut, blond) und Zustände (kochend, ausgezeichnet). Entsprechend haben sie kein eigenes fixes Genus, sondern passen sich an das Genus ihres Substantivs an. Sobald sie selbst substantiviert werden, muss ihnen ein Genus zugewiesen werden, und da keine sprachinterne Zuordnung vorgegeben ist, wird das Genus hier (soweit es um Personenbezeichnungen geht) in Abhängigkeit vom biologischen Geschlecht zum Ausdruck gebracht (Bußmann/Hellinger 2003: 150). So wird Satz (10) gewählt, wenn es sich um eine Frau handelt, Satz (11), wenn ein Mann gemeint ist:

  • 10) Die mit dem Musikpreis Ausgezeichnete dankte dem Orchester.

  • 11) Der mit dem Musikpreis Ausgezeichnete dankte dem Orchester.

  • Bei sekundär substantivierten Wortarten wird also das grammatische Genus durch das biologische Geschlecht motiviert und gewissermaßen vergeschlechtlicht. Damit sind wir bei der zweiten Schicht angelangt.

    Semantische Oppositionen – lexikalisches Geschlecht. Zunächst ist festzuhalten, dass – im Prinzip – auch die Bedeutungsunterschiede von Wörtern (Lexemen), die die inhaltliche Gliederung des Wortschatzes prägen, durch innersprachliche Merkmalszuweisung geregelt sind. So lässt sich der Unterschied zwischen diezwei und diebeiden in (12)

  • 12) Kennst du die zwei/die beiden?

  • nicht durch Verweis auf die außersprachliche Situation erklären. Zur Beschreibung des Bedeutungsunterschieds zwischen den Wörtern zwei und beide wäre ein Rekurs auf innersprachliche semantische Oppositionen notwendig (was hier jedoch nicht zur Diskussion steht).

    Da Wörter, insbesondere Substantive, jedoch zur Benennung von Konzepten dienen, die außersprachlich motiviert sind, ist auf der Bedeutungsseite der Sprache eine Verbindung zur außersprachlichen Welt vorhanden. So ist der Bedeutungsunterschied zwischen den Lexemen Fahrrad, Auto und Lastwagen durch die Eigenschaften der Gegenstände in der außersprachlichen Welt motiviert. Eine Auswahl dieser Eigenschaften ist die Grundlage für semantische Merkmale, die zur Unterscheidung der Wortbedeutungen dienen. Als relevante Kriterien zur Unterscheidung von Fahrrad, Auto und Lastwagen könnte man z. B. Eigenschaften wie ‚mit Körperkraft bewegt‘ und ‚zum Transport von Personen‘ hervorheben und diese dann als semantische Merkmale zur Unterscheidung der Wortbedeutungen verwenden. Fahrrad erhält dann die Merkmalsspezifikation [+mit Körperkraft bewegt], [+ zum Transport von Personen], Auto die Merkmale [-mit Körperkraft bewegt], [+ zum Transport von Personen] und Lastwagen [-mit Körperkraft bewegt], [-zum Transport von Personen].

    Jenseits der so dargestellten Unterscheidungsmerkmale haben diese drei Wörter gemeinsame Merkmale, die es ermöglichen, sie als Unterbegriffe (Hyponyme) unter einem Oberbegriff (Hyperonym), nämlich Fahrzeug, zu erfassen. Bei Oberbegriffen sind die die Unterbegriffe differenzierenden Merkmale nicht ausgeprägt. Oberbegriffe haben somit weniger Bedeutungsmerkmale als ihre Unterbegriffe; sie benennen allgemeinere Konzepte und sind auf eine größere Anzahl von außersprachlichen Entitäten anwendbar.

    Diese hierarchische Strukturierung des Wortschatzes findet sich auch bei Personenbezeichnungen. Hier sind häufig semantische Merkmalsoppositionen wichtig, die durch außersprachlich verankerte Konzepte wie ‚Alter‘, ‚Erwachsensein‘, ‚Verwandtschaftsgrad‘ und ‚Geschlecht‘ motiviert sind. So unterscheiden sich die Wörter Mädchen und Frau in Bezug auf ‚Erwachsensein‘; sie haben jedoch den gleichen Wert bei ‚Geschlecht‘, nämlich die Ausprägung [weiblich]. Letzteres trennt sie von den Wörtern Junge und Mann, die gemeinsam den Wert [männlich] aufweisen, sich aber, analog zum erstgenannten Wortpaar, durch die Merkmalsausprägung des Kriteriums ‚Erwachsensein‘ unterscheiden. Bei Substantiven wie Tante, Schwester, Oma usw. kommen weitere Kriterien (z. B. ‚Verwandtschaftsgrad‘ oder ‚Alter‘) als Bedeutungsbestandteile hinzu.

    Auch bei Personenbezeichnungen gibt es Oberbegriffe. Die Lexeme Mensch und Person sind z. B. bezüglich der Opposition ‚weiblich‘ / ‚männlich‘ neutral: Sie sind Oberbegriffe für Frau und Mann (usw.). Entsprechendes gilt für Kind, das als Oberbegriff für die Unterbegriffe Mädchen / Junge fungiert, oder für Tierbezeichnungen wie Pferd in Bezug auf Stute / Hengst.

    Substantive, die auf diese Weise das lexikalische Geschlecht unspezifiziert lassen, werden als geschlechtsindifferente Substantive bezeichnet. Sie haben jedoch selbstverständlich – wie jedes Substantiv im Deutschen – ein beliebiges grammatisches Genus. In den folgenden Beispielen für semantisch geschlechtsindifferente Personenbezeichnungen ist das grammatische Genus in Klammern angegeben: Person (f.), Waise (f.), (Fach-)Kraft (f.), Individuum (n.) Wesen (n.), Opfer (n.), Genie (n.), Geschöpf (n.), Mitglied (n.), Fan (m.), Mensch (m.), Säugling (m.), Zögling (m.), Prüfling (m.) usw.

    Viele dieser Substantive sind semantisch abstrakt und lassen sich durch Wortbildung oder durch syntaktische Konstruktionen mit spezifischen Merkmalen anreichern, ohne das lexikalische Geschlecht bezeichnen zu müssen. Dies ist eine der bekanntesten Neutralisationstechniken, die in allen Leitfäden genannt wird: Lehrkraft (statt Lehrer/Lehrerin), Person, die die Prüfung abnimmt (statt Prüfer/Prüferin) usw. Da über diese inhärent geschlechtsindifferenten Substantive hinaus alle Pluralformen geschlechtsindifferent sind – also auch alle Pluralformen von im Singular genusvariablen Wortarten wie Adjektiven und Partizipien, vgl. (13) gegenüber (14) –, stellt das Deutsche eine offene, im Prinzip unendliche Zahl von geschlechtsindifferenten Personenbezeichnungen zur Verfügung.

  • 13) Erholungssuchende

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