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Kriminologische Forschung zur (sexualisierten) Gewaltbetroffenheit von Männern

Die aktuelle Diskussion um sexualisierte Übergriffe deckt im vergleichsweise geringen Umfang Missbrauch auch von Männern auf.* Dass solche Übergriffe stattfinden und möglicherweise häufiger vorkommen als angenommen, wird nur bedingt durch rare Belege, zum Beispiel durch die Prosa, in das öffentliche Bewusstsein gebracht (siehe aktuell: Louis 2017). Tatsächlich ist nach wie vor in der Gesellschaft als auch in der Wissenschaft eine ‚Rezeptionssperre‘ in der Betrachtung und Bewertung geschlechterbezogener Gewalt zu Lasten männlicher Betroffener zu konstatieren. Dies führt zur Fortschreibung des gängigen Geschlechterdualismus des männlichen Täters und des weiblichen Opfers, die die Existenz männlicher Opfer (und ggf. weiblicher Täterinnen) ignoriert. Wenn überhaupt wird sexualisierte Gewalt gegen Männer in den Bereich homosexueller Sexualkontakte verwiesen. Solche gesellschaftlichen Annahmen wirken auch bis in die individuelle Rezeption eigener Gewalterfahrungen. Werden Übergriffe bekannt, so reproduzieren deren Tatumstände (Geschlecht der Täter und Übergriffskontexte) häufig die Vorurteile.* Dabei trifft vermutlich weniger zu, dass Gewalterfahrungen an sich unterschiedliche Auswirkungen auf Männer und Frauen haben: Tatsächlich verstecken, verharmlosen oder negieren beide Geschlechter* gewaltsame Übergriffe, insbesondere solche sexueller Natur und durch Intimpartner. Dabei müssen geschlechterbezogene Gewalterfahrungen sowohl im Kontext von Geschlechterrollen als auch in ihren Auswirkungen auf die eigene Geschlechteridentität gesehen werden, um die jeweilige Wahrnehmung und den Umgang mit sexualisierten Übergriffen verstehen und interpretieren zu können. Überdies korrespondieren diese Geschlechterbilder von Männlichkeit und Weiblichkeit mit machtvoll wirksamen gesellschaftlichen Mythen über die „wahre“ Natur sexueller Gewalt, die die Grundlage bilden für die Interpretation des Geschehenen. So verschwinden Männer mit Viktimisierungserfahrung, scheint doch schon der Begriff des „männlichen Opfers“ ein „kulturelles Paradox“ (Lenz 2004, 3) zu sein. Gleiches gilt für Frauen als Täterinnen sexualisierter Gewalt gegenüber Männern. Eine differenzierte Wahrnehmung existiert bislang auch aufgrund des spezifischen (mangelnden) Mitteilungsverhaltens männlicher Betroffener nicht. Insgesamt führt dies dazu, dass, während es für betroffene Frauen eine Vielzahl von Hilfeangebote gibt und sexualisierte Gewalt gegen Frauen als ein soziales Problem anerkannt und in zahlreichen Studien untersucht worden ist, sich männliche Betroffene weder wahrgenommen noch unterstützt sehen.

Im Folgenden werden die bisherigen Ergebnisse der Forschung zu sexualisierter Gewaltbetroffenheit von Männern beschrieben, um ihre Erscheinungen und Auswirkungen auf Betroffene einschätzen zu können. Dies bildet den Rahmen, um die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung unter den Studierenden einer Universität – Männer wie Frauen – zu Übergriffen wie sexualisierter Belästigung und sexueller Gewalt darzulegen und – zum Teil vergleichend – zu interpretieren. Abschließend werden Ergebnisse, die für die universitäre Präventionsarbeit gegen sexualisierte Gewalt nutzbar gemacht werden können, herausgestellt.

Kriminologische Forschung zur (sexualisierten) Gewaltbetroffenheit von Männern

Aus der kriminologischen Gewaltforschung ist bekannt, dass Männer nicht nur die hauptsächlichen Täter, sondern auch überwiegend Betroffenen von Gewalthandeln sind. Die Viktimisierung von Männern ist bislang nicht integrativer Teil der Forschung.

In dem in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) dargestellten Hellfeld krimineller Delikte stellen Männer quer durch alle Deliktarten die Täter und Opfer (vgl. Karstedt/ Moldenhauer 2017, 3). Auch für Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung sind die übergriffigen Personen – wie erwähnt – vornehmlich männlich und die Opfer mehrheitlich weiblich (PKS 2017: 92,9 Prozent). Die PKS 2017 weist nur 7,1 Prozent der Opfer sexueller Gewalt als männlich aus (PKS 2017, 68). Als Risikofaktoren für eine Viktimisierung gelten – für beide Geschlechter – das (jugendliche) Alter und der (urbane) Wohnort mit einem Lebensstil, der – altersbedingt – durch das Austesten von Beziehungsmodellen geprägt ist. Studien zur Gewaltbetroffenheit aufgrund einer anderen als der heterosexuellen Orientierung kommen zu dem Schluss, dass Angehörige des LGBT-Personenkreises stärker von sexualisierten Übergriffen durch insbesondere Gruppen mutmaßlich heterosexueller Täter*innen betroffen sind (vgl. Jungnitz et al. 2007; Döge 2011). Zwar wird die sexuelle Orientierung der Täter*innen durch die PKS nicht erhoben, vorhandene Studien zur sexuellen Gewaltbetroffenheit von Männern machen aber deutlich, dass sich solche Übergriffe nur zu einem geringeren Teil in der homosexuellen oder queer-community selbst abspielen. Während gesellschaftlich sexuelle Gewalt unter Männern in die schwule Szene und dort vermeintlich übliche sexuelle (promiskuitive und Sado-Maso-)Praktiken verortet wird, findet die Mehrheit der sexualisierten Übergriffe in einem heterosexuellen Kontext statt, wie im Folgenden dargestellt wird. Ein wichtiges Ergebnis der bisherigen Forschung ist der Umstand, dass nicht alle Gewalthandlungen gleichermaßen als solche von betroffenen Männern wahrgenommen und erzählt werden. Sind manche Gewaltformen ‚normal‘ in einem Männerleben (z. B. Prügeleien), gehört sexualisierte Gewalt zu den ‚unmännlichen‘ Erlebnissen, die nur schwer erinnerbar und erzählbar erscheinen.

Connell (2000, 217) führt dazu aus, „the hierarchy of masculinities is itself a source of violence, since force is used in defining and maintaining the hierarchy“. Die Angst wiederum, selbst am Ende der Hierarchie zu sein, verführt und „trainiert“ Jungen und Männer, an diesem Wettstreit teilzunehmen. Umgekehrt sprechen Betroffene eher nicht über solche Erfahrungen, „outen“ sie sich doch damit als Opfer und damit als unmännlich. Es wird deshalb von einer nicht unerheblichen Dunkelziffer gewaltbetroffener Männer ausgegangen, die sich – aufgrund des vorherrschenden Männlichkeitsstereotyps – nicht mit ihren Erlebnissen offenbaren bzw. an Hilfeeinrichtungen wenden.

Männliche Viktimisierung

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das sogenannte Viktimisierungs-Paradoxon, das zum einen die höheren Furchtraten von Frauen trotz generell geringerer Opferrisiken, zum anderen die systematische Unterschätzung von weiblichen wie männlichen Opferraten im sozialen Nahbereich als Ort für sexualisierte Übergriffe beschreibt. Hier stellt sich die Frage nach den jeweilig zugrundeliegenden Geschlechterstereotypen für die Annahme der „ängstlichen“ Frauen und „furchtlosen“ Männer, die deren Wahrnehmung und Umgang mit Gewalterlebnissen insgesamt bestimmen: So stellt Hagemann-White die These auf:

„Die fehlende Empörung über körperliche Angriffe zwischen und an Männern (ist) kein Zufall einer verspäteten sozialen Bewegung, sondern verweist darauf, dass die Akzeptanz und Bagatellisierung dieser Gewalt eine bedeutsame Funktion hat (…) Die eingeübte Praxis, Prügel unter Jungen als ‚ganz normale‘ Rangeleien und Rangordnungskämpfe abzutun, die Gewohnheit, Mädchen und Frauen eher als Opfer zu sehen, tragen zur sozialen Praxis der Fortschreibung der traditionellen Macht- und Geschlechterordnung bei“ (Hagemann-White 2005, 6).

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