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aus dem Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
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Kriminologische Forschung zur (sexualisierten) Gewaltbetroffenheit von Männern – Viktimisierungsstudien unter Studierenden

Seit in den 1960er Jahren in den USA die erste Campus-Forschung zu sexualisierter Gewalt (vgl. Kirkpatrick & Kanin 1957) stattgefunden hat, sind die Prävalenz und die Risikofaktoren dieser im spezifischen institutionellen Rahmen stattfindenden Übergriffe unter Berücksichtigung der verschiedensten Faktoren (Alkohol-/ Drogenmissbrauch, „student lifestyle“, Alter, Ethnie etc.) erhoben und analysiert worden. Allerdings wurden in der Regel ausschließlich weibliche Studierende befragt.* Ausgehend von der Annahme, dass es sich bei solchen U.S.-amerikanischen campus communities um mittels subkultureller männlich-sozialer Dynamik etablierte „masculinized institutions“ handelt, müssen physische und sexuell motivierte Übergriffe gegen Frauen und marginalisierte „Männlichkeiten“ verstanden werden als „an energetic effort to produce a narrowly defined hegemonic masculinity“ (Connell 2000, 215). Die Verwendung von (sexueller) Gewalt wird dabei nicht als Normverletzung interpretiert, sondern – im Gegenteil – einerseits als männlich-kollektives Sozialisationsinstrument (vgl. Sinclair 2002, 21) mittels „doing masculinity“ und andererseits „as a legitimate means of repairing damaged patriachal masculinity“ (DeKeseredy & Schwartz 2005, 357). Verhältnisse an U.S.-amerikanischen Universitäten können nicht eins zu eins auf deutsche Hochschulen übertragen werden, und insofern sind Viktimisierungsstudien zu sexualisiertem Gewaltaufkommen nur bedingt vergleichbar. Beides sind allerdings patriarchal-gegenderte Organisationsformen mit entsprechenden gender-konstituierenden und –ausgrenzenden Organisationskulturen. Gemeinsam ist solchen internationalen Studien, dass viele Verhaltensweisen, die als übergriffig zu interpretieren sind, von vielen – auch den Betroffenen selbst – nicht als solche gesehen und bewertet werden, entweder, da sie als „normal“ erlebt werden oder weil sie im interpersonalen, meist intimen Kontext auftreten. Dieses Ergebnis wurde durch das 2009-2012 durch die EU geförderte transnationale Forschungsprojekt „Gender-based Violence, Stalking and Fear of Crime“ (vgl. Feltes et al. 2012), das ca. 23.000 Daten weiblicher Studierender in Deutschland, Italien, Spanien, Großbritannien und Polen erhoben und ausgewertet hat, bestätigt.

Darstellung der empirischen Ergebnisse aus der Studie zur vergleichenden sexualisierten Gewaltbetroffenheit von Studierenden

Die daraus folgende Dissertationsstudie (List 2014) zur vergleichenden sexualisierten Gewaltbetroffenheit von Studentinnen und Studenten mittels einer Befragung von insgesamt 4.000 Studierenden, deren Ergebnisse Grundlage dieses Artikels sind, fragte nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden im Gewalterleben der beiden Geschlechter. Sie stellt zugleich die erste Erhebung zur sexualisierten Gewaltbetroffenheit von männlichen Studierenden in Deutschland dar.

Die Studierenden der Ruhr-Universität Bochum sind im Wintersemester 2011 über den E-Mail-Verteiler aufgefordert worden, an einer Online-Befragung (Rücklaufquote 10,2 Prozent) zur sexualisierten Gewaltbetroffenheit teilzunehmen. Die Wahl der Befragungsart gründete auf der durch Studien bestätigten Auffassung, dass Online-Befragungen sowohl in Hinsicht auf die sensible Thematik aber auch die besondere, online-affine Zielgruppe gut geeignet sind, um das Dunkelfeld zu erhellen (vgl. Fischelmanns 2005). Der Fragebogen umfasste die drei Hauptfragestellungen Kriminalitätsfurcht, Prävalenzen der drei Gewaltformen (sexuelle Belästigung, Stalking und sexuelle Gewalt) sowie Kenntnisse spezifischer Hilfeangebote. Die Befragung mittels detaillierter und bereits in früheren Befragungen geprüften Itemlisten konnte durch offene Antworten ergänzt werden. Immer wurde auch die Lebenszeitprävalenz abgefragt; im Mittelpunkt der Untersuchung standen aber die geschlechtsbezogenen Gewalterlebnisse während der Zeit des Studiums. Dabei wurde ein Verständnis vom „Studium“ als einem Lebensabschnitt zugrunde gelegt, der sich nicht ausschließlich auf die (Studien-)Aktivitäten an einem Hochschulcampus beschränkt, sondern gleichzeitig durch Kontakt zu Kommiliton*innen/ Freund*innen/ Bekannte und die Wohnsituation (Wohnheimzimmer/ eigene/ fremde Wohnung) und Freizeitaktivitäten/ Semesterparties geprägt wird.

Jeder der drei Gewaltform-Komplexe (sexuelle Belästigung, Stalking und sexuelle Gewalt) wurde nachfolgend unterteilt hinsichtlich: Schwere der Tat, Bedrohungsgefühl, Fragen zur übergriffigen Person (geschlechtsneutral formuliert) und den Ort (hochschulinterner oder externer Kontext), das Mitteilungsverhalten (ebenfalls hochschulinterner oder externer Kontext) sowie die Folgen des Übergriffs. Abschließend wurden die Studierenden nach ihrer Kenntnis und ihrem potentiellen Nutzungsverhalten bezüglich unterschiedlicher genannter Hilfeeinrichtungen gefragt und demografische Hintergrundinformationen (Wohnsituation, ethnische und religiöse Bezüge, mögliche Behinderung) erhoben. Am Ende des Fragebogens wurde für den Bedarfsfall auf Anlaufstellen innerhalb und außerhalb der Universität aufmerksam gemacht.

Aufgrund des Umstandes, dass der Fragebogen ursprünglich für eine weibliche Zielgruppe entwickelt worden und in diesem Zielkontext des o.g. EU-Forschungsprojekts auch eingesetzt wurde, muss von einer möglichen Einschränkung der Aussagekraft für spezifische männliche Gewalterfahrungen ausgegangen werden, deutet doch die Männerforschung an, dass Männer nicht nur mehrheitlich andere Formen der Gewalt erfahren, sondern ihre Gewalterfahrungen, und hier insbesondere sexualisierte Gewalt, anders aufnehmen und verarbeiten. Untersuchungen zu einem möglichen adaptierten Fragedesign für männliche Betroffene gibt es allerdings (noch) nicht. Daher war es erfreulich, dass die Resonanz unter den männlichen Befragten positiv war: So ist die Teilnahme männlicher und weiblicher Studierender an der Umfrage fast ausgeglichen gewesen (1.603/ 52,1 Prozent weibliche Teilnehmerinnen zu 1.472/ 47,9 Prozent männliche Teilnehmer). Ebenso wie die Mehrzahl der weiblichen Teilnehmerinnen begrüßten männliche Studierende eine solche Umfrage bzw. den Fragebogen, mit dem endlich ein Tabu angesprochen und untersucht würde. Gleichwohl machen die Kommentare der Studenten deutlich, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede in den Erfahrungen und Wahrnehmungen gibt. Hinsichtlich der Erfahrungen offenbaren bereits die Bemerkungen der Männer, dass sexuelle Belästigung nicht zu ihren problembelasteten Gewalterfahrungen zählt („Ich bin 1,95 groß und habe eine ordentliche Schulterbreite. Sollte trotzdem jemand meinen, mich belästigen zu müssen, kann ich mich durchaus wehren“, Student). Daher werten einige männliche Teilnehmer die Umfrage auch grundsätzlich als eine, die „frauenspezifische Probleme“ (Student) behandelt: „Der Fragebogen ist eher auf Frauen zugeschnitten…da sehr sexuell orientiert“ (Student).

Im Weiteren werden zu den Übergriffsformen sexueller Belästigung und sexueller Gewalt im strafrechtlichen Sinne (Vergewaltigung und Nötigung*) gegen männliche Studierende Ausführungen gemacht. Dabei werden Abbildungen herangezogen, die die Betroffenheit von Männern im Vergleich zu denen der jungen Frauen darstellen, um auch auf die mitunter unterschiedlichen Charakteristika der Gewalt aufmerksam zu machen.

Sexuelle Belästigung

Sowohl bezogen auf die Lebenszeit als auch auf die am häufigsten erlebten Situationen während des Zeitraums des Studiums sind die „bevorzugten“ Formen der Belästigung (Nachpfeifen/ schmutzige Bemerkungen; Kommentare über meinen Körper/ sexuelle Anspielungen; unnötig nahe kommen; Belästigung mittels Telefon, SMS, E-Mail etc.) für betroffene Männer weitgehend dieselben wie für Frauen, allerdings in unterschiedlicher Rangfolge: Gleichwohl sind die am häufigsten erlebten Belästigungsformen für Studentinnen und Studenten vornehmlich verbale (vgl. List 2014, 102 f.). Ungleich stärker sind Männer durch das Zeigen pornografischer Bilder, weniger durch Verfolgen und Bedrängen betroffen. Durch Erlebnisse sexueller Belästigung bedroht fühlen sich 19,7 Prozent der betroffenen Männer (im Gegensatz zu 43 Prozent Frauen), was auch mit der Art der vornehmlich erlebten Belästigung (weniger „direkte“ wie Nahekommen und Verfolgen) zu tun haben mag (vgl. List 2014, 103).

Bezogen auf das Geschlecht der Täter*innen sind die Mehrheit der übergriffigen Personen gegen Männer ebenfalls männlich (60,9 Prozent/ gegenüber 97,5 Prozent männliche Täter gegen weibliche Opfer). Allerdings werden erheblich mehr weibliche Personen Männern gegenüber übergriffig (39,1 Prozent) als gegenüber weiblichen Betroffenen (2,5 Prozent). Studenten werden eher von Bekannten und vornehmlich an der Hochschule und hier von Kommiliton*innen (53 Prozent) belästigt (im Gegensatz zu Studentinnen, die zumeist von Fremden (66,9 Prozent) und außerhalb der Hochschule belästigt werden) (vgl. List 2014, 104).

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