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Hauptsache schön süß

Heilpraktikerin und Ernährungsberaterin Dr. Martina Morf-Koller teilt in ihrer Kolumne Wissenswertes zum Thema gesunde Ernährung. In diesem Artikel wirft sie einen genauen Blick auf Zucker – und wie sich dieser unter allen möglichen Formen und Deckmäntelchen in unsere Nahrung schleicht.

Liebe Leserin, lieber Leser,

eigentlich habe ich nicht viele Laster, außer vielleicht Cappuccino. Und mal ehrlich, das ist nicht wirklich verwerflich. Leider mag ich aber auch den aus der Tüte – wenn es schnell gehen muss. Und das, obwohl ich genau weiß, was in ihm steckt. Ziemlich wenig Kaffee und dafür umso mehr Zucker. Meine Lieblingssorte wurde vom Markt genommen, entweder weil Vanille als Rohstoff zu teuer geworden ist, oder weil vielleicht nie wirklich Vanille drin war und das „Aroma“ jetzt nicht mehr erlaubt ist. Ich befürchte eher die zweite Variante, aber will ich das so genau wissen? Angeblich wird der Bürger ja mündiger und achtet mehr auf seinen Zuckerkonsum. Da reagieren auch gleich die Hersteller mit Produkten, die vermeintlich jetzt weniger Zucker enthalten. Da darf ich mal ganz laut lachen.

Cappuccino ist ein prima Beispiel. Da wird jetzt mancherorts ausgelobt: Weniger süß im Geschmack. Ok, stimmt sogar, aber dadurch ist nicht ein Stück weniger Zucker drin. Und „Ohne Zusatz von Zucker“ bezieht sich nur auf den raffinierten Rohr- oder Rübenzucker (Haushaltszucker). Ich sag Ihnen etwas: egal ob Roh, Rohr, Vollwert, Kandis, Würfel oder flüssig – Zucker ist Zucker, den unser Körper vor allem gar nicht nötig hätte. Es stimmt, wir brauchen Glucose als Energie zum Leben, aber die können wir locker selbst aus jedweder Nahrung gewinnen, egal ob Obst, Gemüse, Reis oder Fleisch. Da muss der Stoffwechsel halt ein wenig arbeiten. Wir mögen es nur einfach gern im Mund schon süß. Aber braucht mein Heißgetränk ohne Zuckerzusatz deshalb umgerechnet 31 Würfel pro 100g?

Bei den Zutatenlisten werden wir regelrecht verschaukelt, um es unflätig auszudrücken. Das Ganze bewegt sich dabei sogar im Rahmen der Gesetzgebung. Nehmen wir die auf der Packung aufgeführten Inhaltsstoffe. Sie werden nach Mengenanteil aufgeführt. Da wird dann der Zuckeranteil auf mehrere Zuckerarten verteilt oder ggf. hübsch umschrieben und landet in der Zutatenliste weiter hinten. Hinter Traubenfruchtsüße, Apfelmark, Gerstenmalz, Süßmolkepulver oder Maltodextrin verbirgt er sich gut. Fast 80 % unseres Zuckerkonsums nehmen wir mittlerweile unbewusst zu uns. Kaum ein Fertiggericht ist ohne Zucker, denn er ist billig und einfach in der Produktion. Deshalb wird er gern als Basis oder Füllstoff eingesetzt. Bei vielen Produkten erscheint es klar und wir alle wissen es, Gummibärchen könnten und würden ohne Zucker nicht existieren. Aber wer vermutet in einem Becher vermeintlich gesunder Fruchtbuttermilch schon 21 Würfel Zucker, dann auch noch gut abgelenkt durch die Auslobung „weniger als 1 Gramm Fett“. Selbst eine Fertig-Currywurst mit Sauce schafft es auf mindestens 26 Gramm (ca. 9 Würfel). Trockenfrüchte sind ohnehin schon von Natur aus zuckerhaltig, selbst da wird manchmal noch zugesetzt, es gibt Cranberries, die nur 60 % des Inhaltes ihrer Tüte ausmachen, da sollte man sich dringend fragen, was denn der Rest wohl sei.

Statistisch gesehen hat jeder von Ihnen im letzten Jahr 35 kg Zucker konsumiert. Das sind knapp 10.000 Stücke Würfelzucker, das lassen Sie sich kurz auf der Zunge zergehen.

Wir Verbraucher haben es in der Hand. Wenn stark überzuckerte Produkte nicht gekauft werden, dann werden sie auch nicht produziert. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Ich muss nicht die Flasche Ketchup mit 43 Würfeln Zucker kaufen, denn es gibt Alternativen mit weniger. Und vertrauen Sie auf gar keinen Fall dem Begriff „Fruchtsüße“. Da ist nichts „Natürliches“ dran, das ist ein hochkonzentriertes, getrocknetes Pulver, welches oft über mehrere Verarbeitungsstufen industriell hergestellt wird. Preiswert ist es und Hauptsache schön süß. Dadurch, dass er allgegenwärtig ist, schadet er uns. Ein Zuviel an Zucker macht nicht nur auf Dauer dick, es kann auch depressiv, nervös, müde, unkonzentriert und vor allem abhängig (ähnlich einer Sucht) machen. Letzteres inklusive kurzfristiger Glücksgefühle und Entzugserscheinungen. Vom Diabetes- und Herzinfarktrisiko und der gesteigerten Alterung spreche ich lieber gar nicht erst. Die Dosis macht das Gift! Über Jahre haben alle nur auf das Fett geschaut, während die Industrie mit dem billigsten aller Grundstoffe ordentlich verdient hat. Da wäre doch eine Zuckersteuer cool.

Komischerweise schmeckt der Cappuccino im Café ums Eck auch richtig lecker.

 

Die Autorin

Dr. Martina Morf-Koller lebt mit Mann und Kind in Hamburg-Bergedorf und arbeitet dort als Heilpraktikerin in eigener Praxis. Sie hat sich auf Beschwerden und Schmerzen des Bewegungssystems spezialisiert. Dabei behandelt sie Muskeln, Gelenke, Wirbelsäule und fasziale Netzwerke manuell und vermittelt alltagsbezogene ökonomische Bewegungsformen um die Körperstruktur nachhaltig zu verbessern. In klientenzentrierter Gesprächstherapie entwickelt sie mit Patienten individuelle Strategien zur Stressbewältigung. Als Ernährungsberaterin liebt sie es außerdem Wissenswertes zum Thema "gesunde Ernährung" humorvoll aufzubereiten und praxistauglich ihren Patienten näherzubringen. Ernährungsberatung soll auf jeden Fall Genuss, Lebensfreude und auch Spaß vermitteln, denn sonst kommt das Wissen nicht an.



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