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Gewichtsdiskriminierung

Dicke Menschen sind krank, faul, leistungsschwach, undiszipliniert oder schlicht unfähig, ihr Gewicht zu managen – so lautet ein in den Medien täglich transportierter Allgemeinplatz. Tatsächlich haben drei Viertel der Deutschen stigmatisierende Vorurteile gegenüber Menschen mit hohem Körpergewicht.* Ein Drittel davon findet dicke Menschen explizit faul, dumm, ekelerregend und hässlich. Die restlichen beiden Drittel stimmen diesen Vorurteilen zu, indem sie ihnen zumindest nicht widersprechen.

Dicksein, so die öffentliche Wahrnehmung, ist so ziemlich das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann: so schlimm, dass es nur zu oft für besser gehalten wird, überhaupt nicht geboren zu sein. Drei Viertel der Paare mit einem ungeborenen Kind würden dieses abtreiben, wenn sie wüssten, dass es eine nur 50-prozentige Chance hat, dick zu werden.* Dicken Frauen wird mit dem Verweis auf das Risiko des Kindes, ebenso dick zu werden, von einer Schwangerschaft abgeraten, und schon vor der Geburt eines Menschen wird fast jeder Gesundheitsratschlag nicht zuletzt damit begründet, dass das Kind bei Nichtbefolgung dick werden könnte. So verwundert es nicht, dass in Deutschland schon Vierjährige Diät halten;* im Alter von 16 Jahren sind über ein Drittel der Mädchen essgestört.* Und Erwachsene, gleich welchen Geschlechts, sind so gut wie alle schon einmal auf Diät gewesen oder dauerhaft darum bemüht, zumindest nicht zuzunehmen.

Dick zu sein – so sehen das jedenfalls 82 Prozent der deutschen Bevölkerung* – ist eine „lifestyle choice“: Man sucht sich das Dicksein selbst aus und ist mithin selbst schuld daran. Folgerichtig werden diejenigen, die es nicht „schaffen, ihr Gewicht unter Kontrolle zu halten“, dafür abgestraft, und zwar so gut wie in allen Lebensbereichen: im Berufsleben, in der Schule, im Freundeskreis, in der Familie, in den Medien, in der Öffentlichkeit, beim Sport, bei der Partnersuche, im Gesundheitswesen, ja sogar im Flugzeug, im Modegeschäft, im Restaurant, im Kino und beim Spazierengehen im Park: Gewichtsdiskriminierung ist überall.* Sie beginnt in der frühen Kindheit und sorgt dafür, dass dicke Kinder allein wegen der ihnen entgegenschlagenden Vorurteile eine schlechtere Lebensqualität haben als die von Krebskranken.* Sie wird eklatant beim Mobbing in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt und wenn dicke Menschen mit dem Gesundheitswesen in Kontakt kommen – medizinisches Personal neigt nachweislich in besonderem Maße dazu, dicke Menschen für abstoßend und moralisch minderwertig zu halten.* Und sie endet noch nicht einmal mit dem Tod, wenn die Medien mit dem Unterton der Verachtung berichten, wie dicke Menschen die Krematorien an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit bringen.*

Diskriminierung wegen des Körpergewichts, das zeigte auch eine Befragungsstudie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes von 2016, ist ein ebenso gravierendes wie häufiges Problem:* Ein Großteil derjenigen Befragten, die von Diskriminierung außerhalb der sechs klassischen, vom Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz AGG erfassten Diskriminierungsmerkmale (Religion/Weltanschauung, ethnische Herkunft, Geschlecht, sexuelle Identität, Behinderung, Alter) berichten, beklagen Diskriminierungen aufgrund des körperlichen Erscheinungsbilds, und darunter die meisten: das Körpergewicht. In den USA ist Gewichtsdiskriminierung, so eine Studie der Yale University,