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Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
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Gewichtsdiskriminierung – Wie Gewichtsdiskriminierung vermeiden?

Wer für Gewichtsdiskriminierung sensibel geworden ist, möchte diskriminierende Sprache und stigmatisierende Botschaften vermeiden. Öffentlichkeitsarbeitsabteilungen von Unternehmen und Behörden, aber auch mit der Beratung von einzelnen Arbeitnehmer*innen betrauten Personen soll hier ein Leitfaden an die Hand gegeben werden, wie Gewichtsdiskriminierung vermieden werden kann.

Dazu reicht es allerdings nicht aus, an bestimmten Oberflächenphänomenen zu arbeiten wie zum Beispiel der Frage, wie man Menschen mit hohem Gewicht nennen soll (übergewichtig? adipös? vollschlank? korpulent? stark? dick? fett? hochgewichtig?). Ob dicke Menschen diskriminiert werden oder nicht, hängt vielmehr mit dem Menschenbild zusammen, mit dem man ihnen begegnet. Geht man davon aus, dass Menschen – wie der Philosoph Platon sich das vorstellte – quasi Abdrücke einer einheitlichen Ur-Form sind, der man möglichst ähnlich sein sollte, um die höchstmögliche Stufe von Menschsein zu erreichen, dann wird man es schwer haben, Menschen mit von der Norm abweichendem Körper als gleichberechtigt und gleichwürdig anzuerkennen. Der Grundgedanke der Diskriminierung ist ja folgender: Du entsprichst nicht dem, was für einen Menschen als Körper und Lebensstil eigentlich vorgesehen ist, und daran hast du selbst Schuld. Hättest du dich mehr angestrengt, hättest du es verdient, als gleichberechtigtes Mitglied in unsere Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Jetzt hast du nur noch die Möglichkeit, dich redlich zu bemühen, zum Normmenschen zu werden (also abzunehmen) – wenn du das tust, erkennen wir wenigstens deine Bemühungen an. Tust du das aber nicht, so zeigst du damit, dass du unsere Gemeinschaft ablehnst und gar nicht dazugehören willst. Wenn das aber so ist, dann haben wir völlig Recht damit, dich auszugrenzen und daran zu hindern, in unserer Welt erfolgreich, gesund und glücklich zu sein.

Doch auch unabhängig von der „Schuld“-Frage – die im Falle eines hohen Körpergewichts wesentlich weniger einfach zu beantworten ist, als die Fürsprecher von „Bewegung und Ernährung“ meinen – werden Menschen mit hohem Körpergewicht regelmäßig pathologisiert und ausgegrenzt: Bestenfalls noch werden sie für Leidende gehalten, die die Last einer physischen oder psychischen Erkrankung zu schultern haben. Doch auch die Ansicht, man dürfe Dicke nur deshalb nicht ausgrenzen, weil sie „ja nichts für ihr Problem/ihre Krankheit könnten“, ist unter dem Diskriminierungsaspekt problematisch: denn auch sie betrachtet dicke Menschen als idealerweise zu vermeidenden Sonderfall. Einerseits wird bei dieser Argumentation gern eine „obesogene“ Umwelt, also eine Gesellschaft, die ein hohes Gewicht fördere (zum Beispiel durch zu wenig Räume für Bewegung oder zugesetzten Zucker in Industrienahrung), verantwortlich gemacht, andererseits psychische Ursachen wie ein Kindheitstrauma oder sonstige Gründe, warum die dicke Person „einen Schutzpanzer“ brauche: Das Fett erfülle eine psychische Stabilisierungsfunktion, wird gerne behauptet; was im Subtext darauf hinweist, dass dick zu sein krankhaft oder jedenfalls nicht normal sei, außerdem ungesund und problematisch.

Wer es ernst meint damit, dicke Menschen nicht diskriminieren zu wollen, muss sich die Frage stellen, mit welcher Berechtigung er*sie dicke Körper für abweichend und vor allem für weniger „gut“ (in jedem Sinne) als dünne hält. Dies beinhaltet eine Hinterfragung der Idee vom Normmenschen – auch vom medizinischen Normmenschen – zugunsten eines Menschenbilds der Vielfalt: Menschen als verschieden groß, ausgestattet mit verschiedenen Haut-, Augen- und Haarfarben, verschiedenen Nasen- und Körperformen, verschiedenen Befähigungen; Menschen verschiedener Geschlechter, Talente, Sprachen, Arten zu lieben und zu leben. Alles dies muss als „natürlich“ begriffen werden, wenn man denn – wie es so oft getan wird – auf ein Konzept wie „Natur“ zurückgreifen will: Die Andersartigkeit ist keine Abart, Perversion, Störung, Behinderung oder gar „Zivilisationskrankheit“.

Vielfalt hat dabei mindestens so gute Argumente auf ihrer Seite wie der Normmensch: Vielfalt kann beispielsweise als evolutionäre Strategie betrachtet werden, die einer Spezies beim Überleben hilft, im Gegensatz zur Monokultur Normmensch, die bei der ersten Naturkatastrophe ausstirbt.* In Begriffen von Vielfalt zu denken, hilft Mediziner*innen dabei, individuelle Therapien zu finden statt einer Pille für alle. Und es hilft Arbeitgeber*innen, verschiedene Befähigungen und Hintergründe zum Wohl eines Unternehmens bzw. einer Behörde einzusetzen.

Versteht man also dicke Menschen nicht als krankhafte Abweichung, nicht als Problem oder Ausdruck von moralischer Verfehlung, sondern als berechtigten Teil einer vielfältigen Menschheit, folgt alles andere von selbst: Dann ergibt der Begriff „Übergewicht“ keinen Sinn mehr, weil er eine Normierung beinhaltet, und man wird auch „adipös“ (jedenfalls außerhalb eines medizinische Kategorisierung erfordernden Kontexts) vermeiden wollen, weil der Begriff auf eine Therapiebedürftigkeit hinweist. Auch „vollschlank“ oder „stark“ und dergleichen wird man nicht verwenden, denn es gibt ja nichts zu verstecken, nichts euphemistisch zu beschönigen. Dick ist dick, so wie groß groß und braunhaarig braunhaarig ist. Und wen das zu sehr an seine von Mobbing beschwerte Kindheit erinnert, der nimmt „hochgewichtig“: ein neutrales, beschreibendes Wort.

Wenn dicke Menschen ein selbstverständlicher, erwünschter Teil unserer Gesellschaft sind, erübrigt sich auch die Frage nach der „Schuld“, denn Schuld woran? Es gibt ja keinen Missstand.

Hier einige konkrete Tipps:

  1. Nennen Sie das Kind beim Namen, und zwar bei einem neutralen Namen: „dick“ oder „hochgewichtig“.

  2. Vermeiden Sie es, einem dicken Menschen ein Problem zu unterstellen, weder medizinisch noch psychologisch noch volkswirtschaftlich oder für die Person als Privatperson. Sie haben keine Ahnung, wie die dicke Person damit umgeht. Versuchen Sie auch nicht, das Thema komplett auszusparen, als sei es ein schlimmes Tabu. Sprechen Sie über Gewicht auf die gleiche Weise wie über Nasenlänge: unaufgeregt, ohne Emotionalität.

  3. Unterstellen Sie einer dicken Person nicht, sie lebe ungesund, sei unglücklich oder unsportlich. Es gibt gute Chancen, dass sie fitter, glücklicher und gesünder ist als Sie. Scheren Sie nicht alle dicken Menschen über einen Kamm und betrachten Sie Menschen generell als Individuen, nicht als Angehörige von (Risiko)gruppen.

  4. Streichen Sie das Thema Gewichtsabnahme aus der Gleichung. Und das nicht weniger, wenn Sie Ärzt*in sind.* Man kann durchaus gesund, leistungsfähig und beruflich erfolgreich sein, wenn man dick oder sogar sehr dick ist. Eine Gewichtsabnahme hilft bei den Problemen, die dicke Menschen haben, in der Regel nicht weiter – und ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ohnehin nicht von Dauer.

  5. Gehen Sie in sich und überlegen Sie ehrlich, wo Sie stigmatisierende Vorurteile gegenüber dicken Menschen haben. Denken Sie zum Beispiel beim Anblick einer dicken Frau unbewusst „die sitzt bestimmt an der Supermarktkasse?“. Oder bei einem dicken Mann „der hat bestimmt keine Beziehung“? Werden Sie sich dieser Vorurteile als Vorurteile bewusst.

  6. Veranstalten Sie keine Kurse oder sonstige Angebote, die sich nur an Hochgewichtige richten: Dies sendet ein problematisierendes/pathologisierendes Signal und grenzt dicke Menschen aus. Statt „Gesunde Ernährung für Übergewichtige“ veranstalten Sie lieber „Gesunde Ernährung für Berufstätige“. Achten Sie darauf, die Angst vor dem Dicksein nicht als pädagogisches Werkzeug einzusetzen, beispielsweise um für gesunde Ernährung zu werben.

  7. Nehmen Sie die Perspektive einer dicken Person ein. Wenn Sie beispielsweise neben einer dicken Person im Flugzeug sitzen, denken Sie nicht „oh nein, jetzt muss ich hier eine ganze Stunde eingeklemmt ausharren“, sondern versuchen Sie, sich zu vergegenwärtigen, dass die dicke Person neben Ihnen aus Ermangelung geeigneter Bestuhlung im öffentlichen Raum tagtäglich eingeklemmt und an völlig Fremde gepresst sitzen muss. Richten Sie Ihre Wut und Ihr Unbehagen auf die Hersteller zu enger Sitze.

  8. Vermeiden Sie es, Nahrungsmitteln einen moralischen Wert zuzuweisen. Nahrung mag gesund oder ungesund sein: Moralisch ist sie völlig neutral. Und dicke Menschen haben exakt das gleiche Recht auf Sahnetorte wie dünne. Auch Sportlichkeit mag eine schöne Sache sein; doch Sport allein macht einen noch nicht zu einem besseren Menschen.

  9. Zur Bebilderung von Artikeln/Postern/Flyern:* Verwenden Sie Abbildungen, die dicke Menschen als ganze Person zeigen, keine „headless fatties“, also dicke Personen ohne Kopf. Vermeiden Sie klischeehafte und stigmatisierende Darstellungen, beispielsweise den dicken Jungen auf dem Sofa vor dem Fernseher mit der Chipstüte in der Hand. Vermeiden Sie ebenso Abbildungen von dicken Menschen, die vermeintlich gerade etwas gegen ihr „Übergewicht“ tun, also zum Beispiel von dicken Menschen beim Sport (wenn es nicht gerade dezidiert um Sport geht). Ungünstig sind außerdem Abbildungen von stark moralisch aufgeladenen Lebensmitteln, also Obst, Gemüse, Süßigkeiten, Junk Food etc., da diese sofort den vom Gewichtsstigma durchsetzten Abnehmdiskurs aufrufen.

  10. Wenn Sie über Hochgewichtige schreiben und unsicher sind, ob Sie aus Versehen diskriminieren, hier folgender Test: Ersetzen Sie „Dicke“ durch „Schwarze“ oder „Homosexuelle“. Wenn es dann diskriminierend klingt, ist es vermutlich auch diskriminierend.

Feminismus im Netz: Impulse für gleichstellungspolitische Arbeit

Nicht erst seitdem die Gleichstellungskonferenz der Länder im vergangenen Jahr Sexismus im Netz als Problem feststellte und Handlungsempfehlungen für die Bundesregierung formulierte, werden Forderungen nach einem Gesetz laut. „Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein“ lautet die geflügelte Aussage, die die Debatten um staatliche Regulierung des Netzes begleitet. Zurzeit diskutieren Vertreter_innen verschiedenster Parteien und Expert_innen verstärkt über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten eines effektiven rechtlichen Gewaltschutzes für das Netz. Dies wird ohne Speicherung von personenbezogenen Daten kaum zu regeln sein und dieses Vorhaben steht bekanntlich massiv in der Kritik. Doch neben den Schutzbedürfnissen, die von staatlicher Seite befriedigt werden sollen, geht es auch um Eigeninitiative und Selbstermächtigung von User_innen, die mit Belästigungen und Beleidigungen umgehen müssen. Nicht zuletzt sollte das Netz auch als Ort bekannt werden, an dem unzählige Feminist_innen sich politisch engagieren und nebenher wichtige Impulse für gleichstellungspolitische Arbeit liefern.

Drei Viertel aller Frauen in Deutschland sind online, konstatiert die Online-Studie von ARD und ZDF aus dem Jahr 2013. Für die meisten unter ihnen stellt die Nutzung des Internets – ob beruflich oder privat – heute eine Selbstverständlichkeit dar. Doch ebenso selbstverständlich sind auch die Angriffe, denen sich Frauen im Netz ausgesetzt sehen. Diese Angriffe reichen von Anfeindungen, Belästigungen, Mobbing, Beleidigungen, Nachstellungen und sexistisch motivierten Rufschädigungen bis hin zu Androhungen von körperlicher sowie sexualisierter Gewalt und sogar Mord. Dies bestätigt eine Umfrage der Fundamental Rights Agency der EU von 2012. Elf Prozent der insgesamt 42.000 Teilnehmerinnen aus 28 EU-Ländern gaben an, schon einmal Belästigung im Internet erfahren zu haben. Der Anteil unter den 18 bis 29-jährigen befragten Frauen betrug sogar 20 Prozent.

Die jährlich stattfindende Konferenz der Gleichstellungs- und Frauenminister_innen und -senator_innen der Länder (GFMK) stellte im vergangenen Jahr eine besondere Schwere der Gewalt gegen Frauen und Mädchen im Netz fest und sieht dringenden Handlungsbedarf auf Seiten der Bundesregierung und der Länder, ebenso bei frauen- und gleichstellungspolitischen Akteur_innen, in der Wirtschaft und bei Betreibern von sozialen Netzwerken und Online-Plattformen. In ihrer Beschlussfassung formulierte die GFMK verschiedene Vorschläge zur Bekämpfung der sogenannten „Cybergewalt“:

Verstärkte Thematisierung der Auswirkungen der Digitalisierung der Gesellschaft in der Frauenpolitik

Cybergewalt als neuer Schwerpunkt der Bundesregierung in der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen

Weiterentwicklung und Verstetigung bestehender Ansätze und Angebote zur Vermittlung von Medienkompetenz durch die Länder. Das Verständnis von Medienkompetenz soll sich dabei an Persönlichkeitsrechten ausrichten und es Mädchen und Frauen erleichtern, den männlich geprägten virtuellen Raum für sich zu beanspruchen.

Erfassung und Beschreibung von Art und Umfang von Cybergewalt gegen Mädchen und Frauen durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Unterstützung des bestehenden Schutz- und Hilfesystems für von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen bei der Bewältigung der Herausforderungen durch Cybergewalt

Einbeziehung von Genderaspekten bei der Thematisierung von Cybergewalt durch Justiz-, Innen- und Jugendministerien

Betreiber von sozialen Netzwerken und selbstorganisierte Online-Communitys sind aufgefordert Cybergewalt mit entsprechenden Maßnahmen entgegen zu wirken

Effektiver Schutz von Beschäftigten in der Privatwirtschaft

Bereits vor der letzten Konferenz der GFMK befassten sich die kommunalen Gleichstellungsbeauftragten auf ihrer 22. Bundeskonferenz ausführlicher mit der Rolle der Neuen Medien für feministische, frauen- und gleichstellungsspezifische Arbeit. Die Impulse aus der Bundeskonferenz wurden in einer im November 2014 stattgefundenen und durch die Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros (BAG) organisierten Netzwerktagung mit dem Titel „Dann geh doch nicht ins Internet!“ breiter und tiefer diskutiert. Der Titel der Veranstaltung geht zurück auf die Aussage eines Polizisten, der damit das Anliegen einer betroffenen Frau abwies, die Anzeige wegen Belästigung im Netz stellen wollte. Ähnlich den herrschenden Vergewaltigungsmythen, nach denen betroffene Frauen selbst eine Mitverantwortung an den Übergriffen tragen, werden auch bei Angriffen im Netz Entschuldigungen und Rechtfertigungen herangezogen, die das Handeln der Täter und die Gewalt ermöglichenden Strukturen des Internets nicht oder selten in den Fokus der kritischen Befragung rücken.

Sexismus im Netz – Brauchen wir neue Gesetze?

Petra Borrmann, eine der Bundessprecherinnen der BAG, machte gleich zu Beginn der Veranstaltungen deutlich, welche Auswirkungen die sexistische Gewalt im Netz hat: Frauen ziehen sich entweder als aktive Gestalterinnen aus virtuellen Räumen zurück oder treten unter Pseudonym oder gänzlich anonym auf. Ein seit mehr als einem Jahrzehnt tobender antifeministischer Backlash in Medien und Gesellschaft bestimmt nicht nur den Diskurs über Emanzipation, Diskriminierung und Gewalt, sondern hat auch konkrete Auswirkungen auf Frauenförderung und Gleichstellungspolitik: Gleichstellungsbeauftragte müssen mit schrumpfenden finanziellen Mitteln haushalten, und ihre Arbeitsbedingungen werden zusätzlich durch zumeist virtuelle anonyme Belästigungen und Beleidigungen erschwert. Nicht zuletzt macht Gewalt im Netz deutlich, dass es den Tätern um gezielte Angriffe auf Frauen und Mädchen geht, um die Einschränkung von deren Wirkungsfeld und um die Schaffung eines Klimas der Angst, in dem (potenziell) Betroffene ihre Handlungsmöglichkeiten verkleinern und in einem permanenten Bedrohungsszenario agieren müssen. Die verschiedenen Ausprägungen von Sexismus im Netz betreffen also auch die Arbeit feministischer und gleichstellungspolitischer Akteur_innen außerhalb des Internets und stellen Gleichstellungsbeauftragte vor neue Herausforderungen.

Neben der Sensibilisierung für die verschiedenen Aspekte der Gewalt gegen Frauen im Netz und für Anknüpfungspunkte an bestehende Hilfsangebote für betroffene Frauen blieben Dreh- und Angelpunkte der Diskussionen auf der Netzwerktagung der BAG die aktuelle rechtliche Lage sowie Möglichkeiten der Sanktionierung und Intervention: Wie kann ich mich vor Gewalt im Netz schützen? Welche rechtlichen Handlungsspielräume habe ich? Und was tut der Gesetzgeber zu meinem Schutz?

Obwohl Stalker und Mobber bei sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter gemeldet werden können, reagieren Verantwortliche bisher gar nicht oder für Betroffene unzureichend. Auch die Angebote der Netzwerke zur Löschung beschämender Fotos und Meldung von beleidigenden und bedrohlichen Nachrichten und die tatsächlichen Reaktionen sind häufig zu langsam und ineffektiv. Bei anonymen Drohungen über Blogs, Webseiten und Emails fehlt von rechtlicher Seite nach wie vor jegliche Handhabe. Die Polizei geht entsprechenden Strafanzeigen in der Regel nicht ernsthaft nach. Kaum jemand will Verantwortung übernehmen für Gewalt, die im Netz passiert, auch weil das Internet als virtueller Raum kaum einzugrenzen und unüberschaubar ist.

Dagmar Freudenberg, Vorsitzende der Strafrechtskommission des Deutschen Juristinnenbundes, zeigte auf der Netzwerktagung zwar verschiedene Ansätze zur rechtlichen Regulierung des Internets auf, die potentiell Betroffene stärker schützen kann und eine Strafverfolgung im Sinne der Betroffenen ermöglicht, ließ bei den Aussichten auf Machbarkeit und Effektivität aber keine falschen Hoffnungen aufkommen. Die momentane Rechtslage erkennt Cybergewalt nicht als eigenen Straftatbestand an und eine mögliche Anpassung geltender Rechtsnormen kann wiederum im Konflikt mit dem Datenschutz und dem Schutz der Privatsphäre stehen.

Aufgrund der Tatsache, dass viele Belästigungen anonym passieren und Betreiber entsprechender Webseiten und Server, von deren Plattformen aus die Gewalt „versandt“ wird, ihren Firmensitz im Ausland haben, sei es nahezu unmöglich, die Täter oder sogenannte Zustellungsbevollmächtigte für einen zivilrechtlichen Unterlassungsanspruch zu ermitteln. Weil Gewalt im Netz bisher nicht als ernstzunehmendes Problem anerkannt werde, seien die Strafverfolgungsbehörden nicht mit ausreichend Personal ausgestattet, um sich den Anliegen intensiv genug widmen zu können. „Cybergewalt wird oft als Bagatelle eingestuft und Verfahren mit der Begründung, es mangele an öffentlichem Interesse, eingestellt“, so Freudenberg. Dies sei ihrer Einschätzung nach auf eine fehlende Sensibilisierung für die Thematik zurückzuführen. Immer wieder betonte die Juristin daher die Notwendigkeit von Fortbildungen und forderte gemeinsam mit den Teilnehmerinnen die Einführung juristisch verantwortlicher Vertreter_innen ausländischer Betreiber von Webseiten, Social Media und Blogs für den deutschen Rechtsraum sowie die Haftung dieser für materielle und immaterielle Schäden der UserInnen.

Die Autorin

M. A. stud. iur. ist Gründerin und stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e. V. und war von 2011–2014 Mitglied des Editorial Boards der Fat Studies (hrsg. von Esther D. Rothblum). Zahlreiche Publikationen, Vorträge und Medienauftritte rund um das Thema Gewichtsdiskriminierung. Die studierte Anglistin, Germanistin und Philosophin arbeitet als Lektorin für geisteswissenschaftliche Fachliteratur.

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