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Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
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Geschlecht und seine Auswirkung auf die Entscheidungsfindung in der (internationalen) Schiedsgerichtsbarkeit – Verhandeln Frauen anders als Männer?

Verhandeln Frauen anders als Männer?

Zum Thema „Gender differences in negotiations – a psychological perspective“ referierte die Münchner Psychologin Katharina Kugler (2019 mwN), die dazu empirische Forschungen durchgeführt hat und an entsprechenden Forschungen beteiligt war.*

Sie kam zu dem Ergebnis, dass Frauen häufiger als Männer feststellen, dass eine Situation nicht verhandelbar ist, dass die Verhandlungskosten/-nachteile höher sind als der daraus zu ziehende Nutzen und erwarten häufiger, dass sie in ihrer Verhandlung nicht erfolgreich sein werden. Sie leiten Verhandlungen weniger häufig ein als Männer, die 1 1/2-fach in den Untersuchungen darüber lagen. Sie verhandeln eher kooperativ und weniger kompetitiv, setzen höhere ethische Standards und stellen bei Gehaltsverhandlungen niedrigere Forderungen. Sie erzielen daher insgesamt schlechtere wirtschaftliche Ergebnisse, erfahren aber negativere Reaktionen, wenn Sie durchsetzungsfähiges Verhalten zeigen. In einem Satz zusammengefasst heißt dies, dass Frauen im Vergleich zu Männern weniger verhandeln und dabei schlechtere Ergebnisse erzielen und dass dies darauf beruht, dass Frauen geringere Erwartungen haben, weniger kompetitiv sind und negative Reaktionen erfahren und fürchten. Als Erklärungsansatz zog sie die „Gender role theory“ heran, die auf den dargestellten Wahrnehmungen von Geschlechterdifferenz beruht, die internalisiert sind und Erwartungen darüber schaffen, wie man sich verhalten sollte. Die Geschlechterrollen werden nachhaltig gestärkt, weil geschlechtsrollenkonformes Verhalten Teil der Identität ist und gesellschaftlich belohnt wird. Auch die Geschlechterrollentheorie nimmt Bezug auf „Verbundenheit“, Gemeinschaftlichkeit als Grundlage des Handelns von Frauen.

In wieweit Geschlechterunterschiede zum Tragen kommen, hängt allerdings von der Situation ab (situational ambiguity). Sie werden reduziert, wenn eine Situation eindeutig als „Verhandlung“ gekennzeichnet ist. Erwartet wird, dass die Beteiligten verhandeln, ein Verhandlungsspielraum vorhanden ist und die Verhandelnden im Verhandeln erfahren sind. Dies sind Voraussetzungen, die bei Frauen als Verhandelnde in der Schiedsgerichtsbarkeit gegeben sind. Weiterhin hilft es, geschlechtsspezifische Unterschiede beim Verhandeln zu reduzieren, wenn Konsens besteht, dass eine aktive Kommunikation angemessen ist und die verhandelbaren Themen und Verhandlungsbereiche festgelegt werden, also klassische Formalien des „guten“ Verhandelns* eingehalten werden. Der geschlechtsspezifische Unterschied verringert sich weiterhin, wenn die Verhandlungssituation kooperativ angelegt ist, das Thema zur „weiblichen Rolle“ passt, nicht eigene Interessen durchgesetzt werden sollen, sondern im Namen anderer verhandelt wird.

Als Fazit ist zu ziehen, dass es Geschlechterunterschiede beim Verhandeln gibt, diese aber nach Situation und Kontext variieren, stärker oder schwächer sind und positiv beeinflusst, d. h. ausgeglichen werden können.

Für Anwältinnen ergibt sich die Konsequenz, dass sie ein Problembewusstsein für die Fallstricke beim Verhandeln entwickeln sollten, dass sie auch wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie sich auf Stellen im Bereich Arbitration bewerben. Es hilft ihnen, wenn sie weibliche Vorbilder in Aktion erleben und sich im Verhandeln durch Kommunikationstrainings schulen. Dabei sollten sie die Techniken des guten Verhandelns durch die Kenntnisse von dirty tricks, unfairen Verhandlungsstrategien und Manipulationstechniken ergänzen – nicht um sie anzuwenden, sondern um sie zu erkennen und mit (fairen) Gegenmaßnahmen darauf zu reagieren.*

Richten Frauen anders als Männer?

Wir sind in unseren international vergleichenden Projekten, insbesondere im Teilprojekt „Gender and Judging“, der Frage nachgegangen, ob Frauen anders urteilen und welche Ursachen dies einerseits und Folgen andererseits hat.

Es gibt deutliche Aussagen von prominenten Richterinnen zu einem weiblichen Einfluss bei der Entscheidungsfindung. Als Barak Obama 2009 Sonia Sotomayor zur Richterin am Obersten Gerichtshof (Supreme Court) ernannte, wurden ihre Qualitäten und Kompetenzen öffentlich in Frage gestellt. Sie kommentierte: „Ich hoffe, dass eine weise Latina-Frau mit dem Reichtum ihrer Erfahrungen öfter zu einem besseren Ergebnis kommt als ein weißer Mann, der dieses Leben nicht geführt hat.“

Brenda Hale, die erste weibliche Richterin im House of Lords und die erste Präsidentin des Obersten Gerichtshofs (Supreme Court) des Vereinigten Königreichs,* sagte in einem Vortrag zur Reform der Anwaltschaft in London über den „einzigartigen Blick von Richterinnen auf das Gesetz“ im Jahr 2004: „Die Einbeziehung von Differenz auf der Richterbank verändert kaum merkbar und verbessert letztendlich das richterliche Ergebnis.“*

Jutta Limbach, unsere erste Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, hatte in ihrer Eröffnungsrede zum Deutschen Richtertag 1995 unter dem Motto „Justiz im Wandel“ etwas vorsichtiger* formuliert: „Verändern die Frauen die dritte Gewalt? Kommt ein weibliches Element in Gestalt von Empathie und Nachsicht in der Rechtsprechung zum Tragen? Etwa in einer milderen Strafpraxis? Oder ziehen das juristische Studium und die Justiz vorzugsweise solche Frauen an, die den Männern ähnlich autoritär strukturiert sind?“

Es sollen hier einige Ergebnisse unserer Untersuchungen aufgeführt werden, um die Dimension des Problems darzustellen. Sie können nicht durchweg verallgemeinert werden, da die jeweilige Fallkonstellation und auch Besonderheiten der Rechts- und Verfahrenssysteme von Bedeutung sind. Es gibt aber Rechtsgebiete, die quasi geschlechtskodiert sind, wie das Familien- und das Strafrecht, bei denen die Persönlichkeit und die Lebensumstände der Beteiligten eine besondere Rolle spielen. Das Geschlecht kann aber auch in anderen Rechtsgebieten die Entscheidung prägen oder beeinflussen. Dabei ist nicht nur das Geschlecht des Richters von Bedeutung, sondern auch das Geschlecht der Verfahrensbeteiligten, der Anwälte und der Zeugen.

Die meisten Beispiele stammen aus unseren Sammelbänden zu „Gender and Judging“ (Schultz/Shaw 2013a), „Women in the World's Legal Professions“ (2003), Sonderheften des „International Journal of the Legal Profession“ zu „Women in the Judiciary“ (Schultz/Shaw 2008/2012), „Gender and Judicial Education“ (Schultz/Shaw/Dawson 2014/2015/2016)* und zu dem Sonderheft „Women and Gender in the Judiciary“, das gerade fertig gestellt wird. Ich verzichte auf detaillierte Belege, da dann das Literaturverzeichnis zu umfassend wird und empfehle stattdessen meinen älteren Beitrag „Richten Richterinnen richtiger?“ (Schultz 2004) und den von 2017 „Do Women Judges Judge Better?“ Wir haben beobachtet, dass sich die Effekte über die Jahre etwas abgeschwächt haben, aber in milderer Form weiter bestätigt werden, wie vor allem familiengerichtliche Untersuchungen von Céline Bessière (Bessière et al 2016, Mille/Bessière 2014)* zeigen.

Unterschiede in der Rechtsprechung wurden in familienrechtlichen Fällen berichtet und waren in einer Reihe von Ländern (Frankreich, Brasilien, Polen u. a.) ähnlich: In Sorgerechtsfällen zeigten Frauen tendenziell mehr Empathie gegenüber Frauen, die das Sorgerecht über ein Kind oder ihre Kinder erhalten wollten. In Unterhaltsprozessen waren Richterinnen – als selbst berufstätige Frauen – geneigt, Hausfrauen bei der Geltendmachung von Unterhaltsansprüchen weniger gewogen zu sein als männliche Richter. Hier spielen bei den Richterinnen erkennbar geschlechtsspezifische Einstellungen eine Rolle, die durch ihre eigenen persönlichen Erfahrungen und die Lebensumstände beeinflusst sind. Deutsche Familienrichter und -richterinnen berichteten bei Fortbildungen in der Richterakademie (2003 und 2004), dass sie Ähnliches bei sich und KollegInnen beobachtet hätten, meinten aber, dass sich geschlechterstereotype Wahrnehmungen und Reaktionen nur im Verhandlungsstil bemerkbar machten, letztlich nicht das Ergebnis beeinflussen würden. Die aktuellen Forschungen in Frankreich haben diese Befunde bestätigt.

In den USA gibt es umfangreiche Untersuchungen zu geschlechtsspezifischen Auswirkungen in Fällen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz (Boyd, Epstein, Martin 2010). Es wurde ein sogenannter „Panel-Effekt“ entdeckt: Männliche Richter urteilten eher zugunsten von Klägerinnen, wenn mindestens eine Richterin im Panel war. Eine rein männliche Besetzung des Gerichts minderte die Chancen der Klägerinnen. Die Autor/innen folgern: „the greater the diversity of participation by [judges] of different backgrounds and experiences, the greater the range of ideas and information contributed to the institutional process.“ Ähnliche Ergebnisse wurde in Fällen rassistischer Benachteiligung gemeldet. Afroamerikanische Richter und weiße Richter nehmen jeweils Rassenschikanen unterschiedlich wahr (Chew und Kelley 2009).

Im Verwaltungsrecht hat Brenda Hale sich in einer Entscheidung des House of Lords dafür eingesetzt, dass das Asylrecht auf Fälle von drohender weiblicher Genitalverstümmelung ausgeweitet wurde (Rackley 2008), und in den USA gewährten Richterinnen in Einwanderungsverfahren mit einer Erfolgswahrscheinlichkeit von insgesamt 44 Prozent Petenten häufiger Asyl als ihre männlichen Kollegen (Menkel-Meadow 2010). Dies sind Beispiele für Entscheidungen „pro Frau“ oder zumindest im Fall von Asylfällen Beispiele von milderen Urteilen.

Geschlechtsspezifische Auswirkungen sind auch in sozialrechtlichen Fällen sichtbar geworden. In Deutschland unterschieden sich die Richterinnen beim Landessozialgericht in Nordrhein-Westfalen von ihren männlichen Kollegen bei der Beurteilung darin, ob Viagra von der Krankenversicherung bezahlt werden sollte, und die deutsche Generalstaatsanwältin Juliane Kokott beim Europäischen Gerichtshof sprach sich für Einheitstarife in Versicherungen für Männer und Frauen aus, während zuvor Frauen höhere Beiträge entrichten mussten.

Ein Gerichtspräsident meinte in einem Interview zu unserer Untersuchung „Frauen in Führungspositionen der Justiz in NRW“ (Schultz 2012), es sei möglich, dass er als Fußballfan bei einem „Fußball-Fall“ eine andere Auffassung vertreten und zu einem anderen Ergebnis kommen würde als seine weiblichen Kolleginnen. Ich könnte weitere ähnliche Beispiele anführen, wobei Richter sich nur sehr ungern damit auseinandersetzen, dass persönliche Meinungen in ihre Beurteilungen einfließen könnten, und sich hinter der richterlichen Objektivität als Grundwert ihrer Arbeit verschanzen.

Im Strafrecht fanden wir gemischte Beweise für eine rigidere oder mildere (weniger „punitive“) Haltung der Richterinnen, auch in Fällen von Gewalt und sexuellem Missbrauch. Milde Urteile von Frauen könnten hier ein Hinweis darauf sein, dass die Richterinnen zeigen wollten, dass sie nicht aus weiblicher Empathie mit dem Opfer eine höhere Strafe als angemessen verhängen. Strafsachen eröffnen ein weites Tor für geschlechtsbezogene Erwägungen, da die Persönlichkeit und Handlung des Täters (auch der Zeugen, bei der Würdigung der Glaubwürdigkeit, und der Opfer bei ihren Aussagen) bewertet werden. Frauen können als Täterinnen einen Bonus erhalten, wenn sie sich der stereotypen Geschlechterrolle anpassen und eher unterwürfig auftreten und sich sanft und hilflos geben. Rollenbrecherinnen, die fordernd und dominant auftreten, laufen Gefahr, weniger mitfühlend behandelt zu werden, und werden möglicherweise zu strengeren Strafen verurteilt. Strafverfahren dienen nicht nur der Untersuchung des Verhaltens der Angeklagten, sondern unterschwellig auch der Einschätzung der an Stereotypen orientierten Erwartungen hinsichtlich ihrer Rolle als Frau. Bei Weiterbildungen der Deutschen Richterakademie, bei denen wir Richterinnen und Richtern zum Testen von Urteilseffekten Fälle zum Entscheiden vorlegten, stellten wir fest, dass die anwesenden Frauen insgesamt milder urteilten als ihre männlichen Kollegen.*

Fördern Richterinnen die materielle Gerechtigkeit? Wir fanden Hinweise darauf, dass sie eher einen interdisziplinäreren Ansatz verfolgen (Niederlande, Argentinien), die starre Anwendung universeller Regeln und enger Lehrentscheidungen vermeiden und die Tendenz haben, „die Grenze zwischen Recht und Gesellschaft neu zu ziehen“. Fällen sie ausgewogenere Entscheidungen? Untersuchungen in Brasilien ergaben, dass sie sich besser in ihre Fälle einfühlen, Untersuchungen aus Australien und dem Vereinigten Königreich zeigten, dass Richterinnen sich der Bedürfnisse von Frauen eher bewusst waren und dies berücksichtigten. Weiterer Forschungsbedarf besteht zu der Frage, ob sie versuchen, streitigere Lösungen häufiger zu vermeiden als ihre Kollegen und auf Streitschlichtung hinzuwirken. Aus mehreren Ländern haben wir über viele Jahre Beweise erhalten, und dies ist eine harte Tatsache, dass Richterinnen nicht oder weniger korrupt sind als ihre männlichen Kollegen. (Syrien, Kenia, Uganda, Pakistan, Bulgarien u. a.)

Das Geschlecht spielt im Kommunikationsprozess des Verfahrens eine entscheidende Rolle, und dies kann das Ergebnis beeinflussen. Dieses Thema habe ich in vielen Richterfortbildungen bearbeitet. Das Verhalten der Akteure, daraus resultierende Sympathien und Antipathien haben Auswirkungen.

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