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aus dem Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
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Frauen in den Instanzen der Justiz – Eine Minderheit

Frauen und Mädchen sind in den Institutionen der Strafjustiz eindeutig in der Minderheit. Sie werden deutlich seltener als Täterinnen polizeilich auffällig, sie stehen seltener als Männer vor Gericht, und sie stellen nur eine kleine Gruppe unter den Verurteilten ebenso wie unter den Strafgefangenen. Auch „auf der anderen Seite“ der Strafjustiz waren und sind sie immer noch eine Minderheit: das gilt für Polizistinnen, Richterinnen, Staatsanwältinnen und Strafverteidigerinnen und ebenso für das Personal im Strafvollzug. Während ihre mangelnde Präsenz gegenüber ihren männlichen Kollegen in diesen Berufen lange Zeit als Norm betrachtet wurde, und wenig Anlass zur Diskussion gab, war dagegen die Tatsache ihrer Unterrepräsentation als Straftäterinnen Ausgangspunkt von heftigen Debatten. Sollten Frauen tatsächlich die „moralisch bessere“ Hälfte der Menschheit stellen? Nicht von ungefähr vermutete man dann, dass mit der fortschreitenden Emanzipation und der zunehmenden Beteiligung von Frauen am gesellschaftlichen Leben diese Unterrepräsentation im „Unmoralischen“ ein Ende finden würde, und Frauen ebenso wie Männer als Straftäter in Erscheinung treten würden. In der Tat machte sich in den 1970er Jahren eine gewisse moralische Panik bemerkbar, begleitet von Vorhersagen über eine massive Zunahme gewalttätiger und krimineller Frauen (Karstedt 1992). Keine einzige dieser düsteren Prophezeiungen hat sich bis heute als wahr erwiesen.

Erklärungen für dieses so erhebliche Ungleichgewicht reichten von der Annahme, dass das abweichende Verhalten von Frauen im Gegenzug eher durch medizinisch-psychiatrische Institutionen kontrolliert werde, bis hin zu dem Argument, dass ein „Kavalier-Bonus“ gegenüber Frauen und Mädchen bei den überwiegend männlichen Polizisten und Richtern zum Tragen komme, der ihnen eine Anzeige oder eine Gefängnisstrafe erspare (siehe Überblick bei Stroh et al 2016). Inzwischen hat sich herausgestellt, dass alle diese Annahmen nicht die kontinuierliche massive Unterrepräsentanz von Frauen und Mädchen in der Strafjustiz erklären können (vgl. Karstedt 1992). Ungeachtet der Zugewinne von Frauen in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens in den letzten Jahrzehnten ist das Verhältnis von ca. 20 Prozent weiblichen zu 80 Prozent männlichen Straftätern in Deutschland überwiegend konstant geblieben, ebenso wie der Anteil von ca. 5 Prozent weiblichen Strafgefangenen an der Gefangenenpopulation. Dies Verhältnis lässt sich ebenso international mit einigen Abweichungen zwischen den Ländern des globalen Südens und Nordens beobachten. In der Tat ist die Differenz zwischen männlichen und weiblichen Tätern so ubiquitär und konstant, dass der Kriminologe John Braithwaite (1989) eine zufriedenstellende Erklärung dieses Sachverhalts zum Prüfstein jeder kriminologischen Theorie macht (siehe auch für die USA Schwartz et al 2009). Diese Ubiquität der Unterrepräsentation von strafrechtlich auffälligen Frauen generell schließt natürlich erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Delikttypen nicht aus, die insbesondere eng an eine typische Motivlage, Auslöser oder auch die Möglichkeiten, diese Delikte zu begehen, gekoppelt sind. So dürfte die eklatante Unterrepräsentanz von Frauen im Bereich der Wirtschaftskriminalität sicherlich auch auf den mangelnden Zugang zu den Positionen und Netzwerken zurückzuführen sein, in denen solche Kriminalität stattfindet. Umgekehrt dürften Frauen als Täterinnen bei der Misshandlung von Pflegebedürftigen proportional überrepräsentiert sein und ebenso bei der Tötung Neugeborener. Würde man hier nach dem strukturellen Zugang kontrollieren, dürfte sich das Geschlechterverhältnis eher angleichen. Jedoch auch wenn man die geringere Kraftfahrzeugnutzung von Frauen entsprechend kontrolliert, bleibt die Verkehrsdelinquenz von Frauen weit hinter der der Männer zurück (siehe zu diesem Beispiel und Ladendiebstahl Karstedt 1989).

Frauen sind nicht nur bei strafrechtlich relevantem Verhalten in der Minderheit, sondern begehen ebenso deutlich seltener Selbstmord, sind seltener alkohol- und drogenabhängig als Männer und leiden seltener unter psychischen Erkrankungen (vgl. Karstedt 1992, 1993, 1997 für Deutschland). Diese Formen von Problemverhalten sind überdies keineswegs unabhängig von strafrechtlich auffälligem Verhalten: für ca. 30 Prozent der Gefängnispopulation in den westlichen Industrieländern werden erhebliche psychische Probleme und Auffälligkeiten diagnostiziert; dies gilt zwar für beide Geschlechter, jedoch machen Männer ca. 95 Prozent der Strafgefangenenpopulation aus.

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