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aus dem Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
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Formen sexualisierter Gewaltbetroffenheit bei Männern

Bei der Erhebung und Auswertung männlicher Gewaltbetroffenheit ist eine Vielzahl von Aspekten, die die Interpretation und die Mitteilung des Erlebten beeinflussen, zu berücksichtigen, darunter auch die vorgegebene Definition von Vergewaltigung. So setzt diese im Untersuchungsdesign oftmals einen gewaltsamen sexuellen Übergriff in Fortschreibung der weiblichen (vaginalen) Vergewaltigung mit einer Penetration gleich. Entsprechend ausgehend von einer solchen Definition geben 1,4 Prozent der Männer in einer nationalen U.S.-Studie (vgl. National Intimate Partner and Sexual Violence Survey 2010) an, irgendwann in ihrem Leben vergewaltigt worden zu sein; wird Vergewaltigung erweitert definiert als orale oder anale Vergewaltigung, gibt einer von 71 Männern an, Opfer einer Vergewaltigung geworden zu sein. Aber ist die Mehrheit der Täter tatsächlich homosexuell orientiert? Während viele Studien die sexuelle Orientierung der Täter*innen nicht erheben, weisen einzelne Studien darauf hin, dass die Mehrheit der Täter*innen heterosexuell ist (vgl. Isley & Gehrenbeck-Shim 1997, 162; Hillman et al. 1990, 502). Geht man vom Geschlecht des Opfers aus, kann vermutet werden, dass heterosexuelle Männer mehrheitlich von heterosexuellen Tätern*innen, homosexuelle Männer teils von hetero-, teils von homosexuellen Tätern missbraucht werden. Im überwiegenden Fall ist die übergriffige Person dem Opfer bereits bekannt. Weiterhin wurden männliche Betroffene eher (als Frauen) von mehreren Tätern angegriffen (vgl. Frazier 1993, 72), sind eher jüngeren Alters (17-26 Jahre) und wurden häufig bereits in ihrer Jugend sexuell viktimisiert (vgl. Mezey & King 1989). Letzteres kann auf ein vulnerables Verhaltensmuster deuten (vgl. Osterheider et al. 2012) oder aber auf ein Erscheinungs- und Verhaltensbild, das mit dem der marginalisierten oder untergeordneten Männlichkeit gleichgesetzt werden könnte und die These des Ausagierens hegemonialer Männlichkeiten stützen würde. Weiterführende Studien dazu gibt es nicht.

Männliche Täter

Der Fokus auf männliche Opfer in Verbindung mit männlichen Tätern impliziert den vermeintlich homosexuellen Charakter der Opfer-Täter-Beziehung. Daraus ergibt sich eine falsche Rezeption in Öffentlichkeit, Justiz, Hilfesystem und Wissenschaft als vornehmlich soziales Problem in der gay community. In diesem Interpretationsmuster eines homosexuellen Kontextes gibt es zum einen Übergriffe unter homosexuellen Männern, die in einer Art von Beziehung stehen, was als Parallele zu der auch heterosexuellen „Beziehungsform“ des „date rape“ (vgl. Bullock & Beckson 2011, 202) oder anderen intimen Beziehungen (vgl. Kavemann & Scheinberger-Olwig 1999, 9) gesehen werden kann. Ein anderer Fokus betrifft Übergriffe durch (heterosexuelle) Täter, die als homophobe Gewalt zu verstehen sind (vgl. Hodge & Canter 1998, 223). Insgesamt tragen homosexuelle Männer (nach lesbischen Frauen*) ein größeres Risiko, Opfer von sexualisierter Gewalt zu werden: „Sexual victimisation is significantly more common among female than male and among gay and lesbian than heterosexual students“ (Duncan 1990, 65). In dem Studierenden-Sample einer U.S. amerikanischen Universität gaben zwölf Prozent der homosexuellen und 3,6 Prozent der heterosexuellen Studenten an, bereits Opfer eines erzwungenen sexuellen Akts geworden zu sein Damit besteht das höchste Risiko für homosexuelle Männer unter fünfundzwanzig Jahren (vgl. Bullock & Beckson 2011, 199) und auch die Gefahr schwererer Verletzung ist höher als für heterosexuelle Opfer sexueller Gewalt (vgl. Hodge & Canter 1998, 235).

Praktisch keine Forschung existiert für die sexuelle Gewaltbetroffenheit hetero- und homosexueller Männer durch heterosexuelle (männliche) Täter. Dabei erhebt die vorhandene U.S.-amerikanische Forschung eine Mehrheit heterosexueller Täter für sexuelle Gewalt gegen Männer (vgl. Bourke 2007, 240; Hodge & Canter 1998, 237). So wird festgestellt: „sexual assault of males perceived to be homosexual is a form of gay bashing“ (King 1990, 1345) und dass Vergewaltigung, obwohl ein sexueller Akt, von der Absicht motiviert ist, das Opfer zu beherrschen und herabzusetzen: „see rape as a way of exerting control, of confirming your own power by disempowering others, then it makes perfect sense. If it makes you feel powerful and macho to force sex on a woman or child, think of how much more powerful you feel raping another man.“ (Pelka 1995).

Weibliche Täterinnen

Bezogen auf die Tätergruppe der (heterosexuellen) Frauen gibt es Erhebungen nicht-repräsentativer Studien unter Studierenden, die einen recht hohen Anteil weiblicher (heterosexueller) Täterinnen unter der hier fokussierten Zielgruppe der Studierenden erheben (vgl. Chapleau et al. 2008, 2). Eine 2003 durchgeführte nationale Erhebung des U.S. Departments of Justice weist dreizehn Prozent männlicher Opfer von (gemeldeten) Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen aus (vgl. U.S. Department of Justice 2003). Andere, ähnliche gestaltete Studien unter College-Studenten erhoben eine Betroffenheitsrate von zwölf bis sechzehn Prozent (vgl. Struckman-Johnson 1991). Hier bezog sich das Fragedesign ausschließlich auf Gewalterfahrungen im Kontext heterosexueller Kontakte und so sind es den Opfern bekannte Studentinnen, die im Rahmen von Dating-Beziehungen in irgendeiner Form übergriffig geworden sind (vgl. Russel & Oswald 2002, 281). Den Studenten widerfuhren eher verbale Strategien (um zum Ziel zu kommen) und weniger physische Gewalt durch die Täterinnen. Zu betonen ist, dass solche Arten des Übergriffs nicht mit erzwungenem Geschlechtsverkehr mittels tatsächlicher bzw. schwerer physischer Gewalt zu vergleichen sind (vgl. Struckman & Struckman 2001). Tatsächlich ermittelte eine Studie, die die Charakteristika männlicher und weiblicher Vergewaltigungs-Opfer verglich, dass männliche Opfer eher verbal mittels Überredung oder Androhungen unter Druck gesetzt werden (vgl. Frazier 1993, 2) und der Einsatz von Alkohol von Bedeutung ist. Insgesamt scheinen ungewollte sexuelle Übergriffe durch Täterinnen von betroffenen Männern als ebenso verstörend und quälend empfunden zu werden wie durch einen Täter.

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