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Flirten nach MeToo

Pixabay / Sasint
Jürgen von der Lippe hat in seiner neuen Sendung „Nicht dein Ernst!“ eine deutliche Stellung zu zeitgeschichtlichen Themen bezogen. Unter anderem auch zu der MeToo-Bewegung und wie diese das Flirten zerstört.

Der 71-Jährige Jürgen von der Lippe moderiert zusammen mit Sabine Heinrich eine neue Sendung im WDR. „Nicht dein Ernst!“ heißt das neue Format, in dem prominente Gäste über das richtige Verhalten in kniffligen Alltagssituationen philosophieren. Noch vor der ersten Sendung hat Jürgen von der Lippe in mehreren Interviews sich zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten geäußert.

So behauptet er, dass die Bundesrepublik als Folge der MeToo-Debatte in Prüderie versinken könnte. "Es traut sich ja keiner mehr, ‘ne Frau anzugraben. Das ist ja schnell übergriffig. Wenn es so freudlos wird, ist es auch nicht schade um die Menschheit. Aber mich betrifft das ja zum Glück nicht mehr. Ich bin 71 Jahre alt, meine Frau und ich werden uns wohl nicht mehr umorientieren, schätze ich mal", sagte der Entertainer gegenüber der Bild am Sonntag.

Ob von der Lippe, der in seinen Sendungen eher auf Altherrenhumor setzt, nun mit seinen provokanten Äußerungen Werbung für seine Sendung machen wollte oder nicht, er stößt mit dieser Äußerung natürlich ein Thema an, welches doch noch immer für viele schwierig ist.

Der Eros

Viele Menschen waren und sind immer noch besorgt, dass seit dem Einsetzen der #MeToo Debatte das Flirten, das erotische Knistern einfach ausstirbt. Regeln und rote Linien verbieten es den Männern ja, überhaupt etwas zu tun und die Frauen würden die Initiative nicht ergreifen.

Diese und viele andere Behauptungen kommen nicht nur immer wieder auf, sondern wurden auch Anfang 2019 von der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff in einem Essay verewigt. Sie behauptet, dass gendergerechtes Flirten einfach nicht funktionieren kann, weil der Eros nun einmal seine Launen und Abgründe habe und jetzt nach der Debatte wüsste der Mann nicht mehr, was er wie sagen soll, sobald er eine Frau reizvoll findet. Diese Unentschlossenheit führe Lewitscharoffs Ansicht nach dazu, dass der nun unsichere Mann völlig gezähmt lieber nichts riskiert und somit seine Erotik einbüßt.

Des Weiteren wäre der Autorin aufgefallen, dass die jungen Leute in Cafés keine erotischen Risiken mehr eingehen würden. Flirten sei seit der #MeToo-Debatte schier unmöglich geworden. Nun das mag wohl daran liegen, dass junge Leute heutzutage eher im Internet ihre „erotischen Risikos“ suchen anstatt in einem staubigen Café.

Doch viel gravierender ist die Annahme, dass der Eros nun einmal seine Launen hat und ohne ihn kein Flirten möglich sei. Dabei übersieht Frau Lewitscharoff wohl, wie mancher „Flirt“ endet: Ein Mann äußert den Wunsch eine Frau kennenzulernen. Die Frau reagiert mit einer freundlichen Absage und der Mann wird beleidigend, manchmal sogar richtig aggressiv.

Ein „Nein“ ist keine Beleidigung

Forscher der University of Iowa fanden heraus, dass Männer häufig völlig falsch einschätzen, ob eine Frau an ihnen interessiert ist. Sie legten in einer Studie 183 Männern Fotos von Frauen vor und fragten: "Auf einer Skala von -10 bis +10, wie sehr ist diese Frau an dir interessiert?" In den meisten Fällen lagen die Probanden deutlich daneben. Männer gehen oft davon aus, dass Frauen an ihnen interessiert sind, auch wenn diese es gar nicht sind. Dadurch fühlen sich die Männer abgelehnt, wenn eine Frau den Flirtversuch blockt. Egal, wie freundlich oder höfflich sie dies tut.

Dass dieses Ablehnungsgefühl dann viel zu oft in Aggressionen und verbalen Attacken endet, ist jedoch inakzeptabel. Und wenn es um diese Flirtkultur geht, in der Männer Frauen nach einem missglückten Annäherungsversuch Beleidigungen oder gar Gewaltandrohungen um die Ohren hauen, dann ist es um diese Flirtkultur ganz sicher nicht schade.

Ob Frau oder Mann: Beide Seiten sollten das Recht haben, zu kommunizieren, dass sie kein Interesse haben, ohne dabei Beschimpfungen ertragen zu müssen. Doch diese gesellschaftliche Norm ist leider noch nicht gegeben. Viel zu oft schweigen Menschen, die solch ein Verhalten mitbekommen, anstatt zu helfen und zu zeigen, dass solch ein verletzendes Verhalten nicht tolerierbar ist.

Die MeToo-Debatte hat das Flirten nicht unmöglich gemacht. Sie hat nur gezeigt, was all die Jahre in unserer „Flirtkultur“ falsch lief – und noch immer läuft. Flirten ist ein Spiel, auf das sich beide Parteien einlassen. Wer eine Abfuhr erhält, muss das auch schlucken. Ein „Ich hätte mich geärgert, wenn ich nicht zumindest gefragt hätte“ wirkt weitaus charmanter und selbstbewusster, als das zickige Geplärre eines Jungen, der nicht das bekommen hat, was er haben wollte.





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