Werden Sie Premium-Mitglied!
Als Premium-Mitglied profitieren Sie uneingeschränkt von allen Inhalten.
Jetzt gratis Newsletter abonnieren!
Beiträge
aus dem Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Beiträge lesen >>
 

Ein Blick zurück: Gleichgestellte Gärtnerinnen? Berufsfragen und Agitationsstrategien der bürgerlichen Frauenbewegung um 1900

Fragen und Forderungen nach geschlechtlicher Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt, die heute mit aktueller Brisanz geführt werden, zirkulierten bereits im 19. Jahrhundert und nahmen mit dem Erstarken der bürgerlichen Frauenbewegung um 1900 rasant an Fahrt auf. Neben Diskussionen der politischen und gesellschaftlichen Gleichberechtigung sowie Themen, die sich mit Sexualität und Ehereformen beschäftigten, zählte der Kampf um Bildung und Beruf zu den wichtigsten Themen auf der Agenda der bürgerlichen Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich.*

Der historische Hintergrund: Weibliche Erwerbsarbeit im Bürgertum des 19. Jahrhunderts

Das Bürgertum im 19. Jahrhundert definierte sich in seinem Selbstverständnis bewusst über das Nichteinbinden von Frauen in berufliche Arbeitsprozesse. Diesem Prinzip zugrunde lagen normative Vorstellungen über spezifische Männlichkeits- und Weiblichkeitsentwürfe, nach denen der Frau die private, innerhäusliche Sphäre und dem Mann die öffentliche, außerhäusliche Sphäre als Handlungsraum- und ort zugesprochen wurde. Handlungsleitend für diese Geschlechterverortungen waren normative Vorstellungen von diametral entgegengesetzten, genuin bedingten Geschlechtercharakteren, nach denen Weiblichkeit u. a. mit Sentimentalität, Emotionalität und Passivität; Männlichkeit mit Rationalität, Pflichtbewusstsein und Aktivität gleichgesetzt wurde. Als treusorgende Ehefrau und Mutter war es die integrative Aufgabe der Frau ein heimeliges Refugium zu schaffen, in welches sich der Ehemann nach vollbrachtem Tagwerk zurückziehen konnte.* Obgleich die Ehegattin die Rolle der Hausfrau innehatte, oblag die Verrichtung der hauswirtschaftlichen Arbeiten den im Haushalt lebenden Dienstmädchen und Dienstboten, die zugleich als soziales Statussymbol galten und an deren Anzahl sich die ökonomische Unabhängigkeit und das Ansehen der bürgerlichen Familie bemaß.* Der erstrebenswerte Lebensentwurf einer bürgerlichen Frau – und hiernach waren von klein auf jegliche Erziehungsinhalte und Schulkonzepte ausgerichtet – schrieb gemäß des bürgerlichen Wertekanons die Rolle als Hausfrau und Mutter vor.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestand allerdings ein scheinbar immer akuter werdendes Problem in der finanziellen Versorgung lediger Frauen des Bürgertums, die mit dem Fortschreiten der Industrialisierung und der damit verbundenen Auflösung des „Ganzen Hauses“* als familiäre Lebens- und Produktionsgemeinschaft sowie mit der Ausgestaltung der bürgerlichen Kleinfamilie nicht mehr familiär aufgefangen werden konnten. Besonders die Versorgung von Witwen und (ungewollt) Unverheirateten gestaltete sich vor diesem Hintergrund schwierig. Durch verlängerte Ausbildungszeiten und eine vermeintliche Heiratsunlust* seitens bürgerlicher Männer stieg das durchschnittliche Heiratsalter der Frauen auf 25 Jahre, wodurch sich ein zeitlicher Binnenraum zwischen Schulabschluss und Heirat ergab, für den es an Orientierungs- und Verhaltensmodellen fehlte.* Einer der wenigen Berufe, der für Frauen als adäquat angesehen wurde, war der der Lehrerin, welcher allerdings streng reglementiert war. So durften Frauen, die vorab ein Lehrinnenseminar absolviert hatten, lediglich an Höheren Mädchenschulen sowie an Volkschulen unterrichten und mussten sich dem sogenannten Lehrerinnenzölibat verpflichten, sprich unverheiratet bleiben – auf eine Missachtung folgte die unmittelbare Kündigung.* Der Kreis möglicher Berufsfelder für bürgerliche Frauen gestaltete sich dementsprechend äußerst klein; bis weit in das 20. Jahrhundert hinein blieb Frauen die eigene Berufswahl versagt und eine Vielzahl von Berufen verschlossen.

Die Frauenfrage als Berufsfrage in der bürgerlichen Frauenbewegung

Als sich 1865 mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins die bürgerliche Frauenbewegung organisatorisch zu formieren begann, entwickelten sich unter dem Schlagwort der sogenannten Frauenfrage erstmals Überlegungen und Strategien zu rechtlichen, sozialen und politischen Gleichberechtigungsforderungen von Frauen. Einer der Hauptagitationspunkte war die Forderung nach verbesserten Ausbildungsmöglichkeiten, der Öffnung neuer Berufsfelder sowie der Vereinbarkeit von Beruf und weiblicher Hausarbeit. Gerade letztere galt – besonders für die ersten Pionierinnen der Frauenbewegung – nach wie vor als eine naturbedingte weibliche Handlungsmaxime, deren Geltung und die damit verbundene Hausfrauen- und Mutterrolle nicht infrage gestellt wurden; es wurde auch nicht darauf bestanden, die geschlechterspezifischen Sphären aufzuheben. Folglich richtete sich das Engagement in den ersten Jahren der Frauenbewegung dezidiert auf Berufe, die sich mit jenen im Bürgertum als weiblich geltenden Eigenschaften sowie einer besonderen erzieherisch-weiblichen und pädagogisch-mütterlichen Befähigung in Einklang bringen ließen. Zur praktischen und theoretischen Umsetzung dieser Annahmen entwickelten die beiden Frauenrechtlerinnen Henriette Schrader Breymann (1827–1899) und Henriette Goldschmidt (1825–1920), aufbauend auf den Theorien Friedrich Fröbels, das strategische Konzept der sogenannten Geistigen Mütterlichkeit, nach welchem die beiden Komponenten Mütterlichkeit und Weiblichkeit miteinander gleichgesetzt wurden. Konkret wurde hierfür Mütterlichkeit von ihrer biologischen Seite entkoppelt und allen Frauen, ob kinderlos oder kinderreich, aufgrund ihrer naturgegebenen Gebärfähigkeit eine genuin vorhandene Geistige Mütterlichkeit attestiert. Mit der Berufung auf dieses Vorstellungschema versuchte die Frauenbewegung indes die Tätigkeit von Frauen vor allem in pädagogischen und sozial-karitativen Erwerbsfeldern zu begründen. Die eigentliche Frauenrolle als Hausfrau und Mutter wurde indes nicht in Zweifel gezogen und galt nach wie vor als das zu erstrebende Lebensziel.*

Aber nicht nur die Berufe der Lehrerinnen, Krankenschwestern und Erzieherinnen wurden von der Frauenbewegung forciert. Ab den 1880er Jahren erlangten ebenso Erwerbsfelder im Handwerk, im Kunstgewerbe und besonders im Dienstleistungssektor frauenbewegte Aufmerksamkeit. Ob bei der Post, der Polizei, der Eisenbahn, im Maleratelier, in der Bibliothek, im Büro, im Kaufhaus oder im Telegraphendienst – es taten sich immer weitere Berufsalternativen für bürgerliche Frauen auf. Ihnen allen jedoch blieben reguläre und fundierte Ausbildungswege, eine berufliche Profession verwehrt. Die Frauenbewegung reagierte auf diese Arbeitsmarktveränderungen, indem Berufsberatungs- und Vermittlungsstellen eingerichtet, Kommissionen zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit der Frau aufgebaut sowie eine Vielzahl diverser Berufsvereine gegründet wurden.* Auch galt es eigene Ausbildungswege und Berufszugänge zu finden, wofür spezifische Lehranstalten für Frauen ins Leben gerufen, Aus- und Fortbildungskurse sowie Seminare organisiert wurden. Das Engagement der Frauenbewegung in Berufsfragen und der Etablierung von Berufsausbildungen lief indes linear zur eigenen Bewegungsentwicklung. Nach der Gründungs- und Aufbauphase in den 1860er und 1880er Jahren verzeichnete die Frauenbewegung ein rasantes Wachstum und erreichte gegen Ende des 19. Jahrhunderts ihre Hochphase. Zahlreiche regionale wie lokale Vereinsgründungen, Interessensorganisationen sowie die interne Ausdifferenzierung in einen sogenannten gemäßigten und einen radikalen Flügel riefen Überlegungen auf den Plan, all diese Gruppierungen unter einen Dachverband zu vereinen. Angeregt durch das amerikanische Vorbild des Frauenweltbundes, wurde in Deutschland 1894 der Bund deutscher Frauenvereine (BDF) ins Leben gerufen. Im ersten Jahr des Bestehens verzeichnete der BDF 65 Mitgliedervereine und war fortlaufend von einer kontinuierlichen Entwicklung geprägt – am Vorabend des Ersten Weltkrieges gehörten dem BDF 2200 Vereine und ca. 500.000 Mitglieder an.*

Trotz der Dynamik und Vielschichtigkeit, samt teils unterschiedlicher Interessenschwerpunkten und Divergenzen innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung und konkret zwischen gemäßigtem und radikalem Flügel, lassen sich dennoch in Fragen weiblicher Erwerbstätigkeit kongruente Meinungen, Anknüpfungspunkte und Agitationsstrategien eruieren. Diese Schnittpunkte manifestierten sich sowohl in theoretischen Überlegungen zur weiblichen Erwerbs- und Hausarbeit als auch in der praktischen Umsetzung von beruflichen Professionalisierungsstrategien. Kurzum: die Handlungsweisen und Argumentationsketten des gemäßigten und des radikalen Flügels mit denen Berufszugänge für bürgerliche Frauen geschaffen werden sollten, waren sich in ihrem Kern recht ähnlich, obgleich beide Richtungen sich selbst im Gegensatz zu der jeweil anderen sahen. Selbst die Radikalen, die auf den ersten Blick ein scheinbar fortschrittliches Frauenbild vertraten, nach welchem außerhäusliche Erwerbsarbeit Grundlage jeglicher weiblicher Emanzipation sein sollte, arbeiteten bei ihrem Vorgehen durchaus mit dem Konzept der Geistigen Mütterlichkeit. Die Beobachtung dieser Interessenslage ist unabdingbar für das Verstehen frauenbewegter Agitationsstrategien, zeigen diese doch unter dem analytischen Brennglas, dass bürgerliche Weiblichkeitsentwürfe in Berufsfragen eine handlungsleitende Maxime darstellten. Ebenso virulent waren überdies bürgerliche Sichtweisen von Klassenzugehörigkeiten- und abgrenzungen, die das Vorgehen und die Strategien der Akteure und Akteurinnen in der Berufswelt maßgeblich beeinflussten.

Wie solche frauenbewegten Strategien und deren Umsetzungen konkret aussahen und welche Rolle dabei die Kategorien Geschlecht und Klasse spielten, soll im Folgenden am Beruf der Gärtnerin beispielhaft veranschaulicht werden.*

Agitationsstrategie I: Gründung von Ausbildungsstätten – Gartenbauschulen

Obgleich Frauen von jeher mit gärtnerischen Tätigkeiten in Verbindung standen – sei es die unentgeltlich gärtnernde und erntende bürgerliche Hausfrau, die im hauseigenem Garten zur Familienökonomie beitrug, sei es die proletarische Blumenverkäuferin oder die Hilfsgärtnerin, die sich saisonal gegen geringe Löhne verdingen musste oder seien es Frauen, die das seltene Privileg besaßen als Töchter, Ehefrauen oder Witwen im gärtnerischen Familienbetrieb wirken zu können – ihnen war der reguläre Berufszugang sowie eine fundierte gärtnerische Ausbildung verwehrt. Erste Überlegungen, den Gartenbau als Berufsfeld für bürgerliche Frauen zu öffnen, ging von Hedwig Heyl (1850–1934), einer Akteurin des gemäßigten Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung aus. Aus anfänglich persönlichen Beweggründen – Heyl fand durch das Gärtnern Linderung gegen ihre neuralgischen Kopfschmerzen – erblickte sie im Gartenbau einen mit vermeintlich weiblichen Tugenden in Verbindung stehenden Erwerbszweig für bürgerliche Frauen. Als Gattin eines wohlsituierten Berliner Farbenfabrikanten gründete sie 1889 auf dem Anwesen der Heyls eine Gartenbauschule, die mit ihren angrenzenden Unterbringungsräumen sowohl Berlinerinnen als auch externen Schülerinnen Platz bot. Gemeinsam mit dem Obergärtner der heylschen Privatgärten arbeitete sie Unterrichtspläne aus und legte Inhalte fest.* Heyls Intention zur Gründung einer Gartenbauschule war jedoch weniger die einer weiblichen Berufsemanzipation. Vielmehr fußte ihr Vorhaben auf einer erzieherischen Ausrichtung für bürgerliche Mädchen, die sich auf ihre Rolle als spätere Hausfrau und Mutter vorbereiten sollten, demnach „[müsse] die Gärtnerei in der Erziehung der Frau eine Stelle gewinnen, denn die Pflege eines lebenden Organismus würde der rechten Mütterlichkeit die Wege weisen […]. Die Gartenbauschulen für Frauen sind bei weitem wichtiger nach dieser Richtung, als Fachgärtnerinnen auszubilden.“* Aber auch an bereits verheiratete bürgerliche Frauen richteten sich Heyls Überlegungen. Diese würden „einzelne Gebiete der Gärtnerei [kennenlernen], um die gesammelten Kenntnisse im eigenen Hausgarten oder auch nur bei den Lieblingen im Zimmer dereinst praktisch zu verwerten.“* Die einzigen Orte, an denen Frauen als Gartenbaulehrerinnen bis zu dem Zeitpunkt ihrer Heirat erwerbstätig sein sollten, waren Erziehungs- und Pflegeanstalten sowie Krankenhäuser.* Unverkennbar orientierte sich Heyls Schulkonzept hiermit an bürgerlich-normativen Berufsvorstellungen für Frauen, die den Charakter des Pflegens und Erziehens als genuin weibliche Eigenschaften in sich trugen. Keineswegs sollte eine langfristige wirtschaftliche Unabhängigkeit durch weibliche Berufstätigkeit erstrebt, geschweige denn eine berufliche Gleichstellung von Gärtnerinnen und Gärtnern erzielt werden.*

Einen neuen Impuls erhielt die Gärtnerinnenausbildung 1894 durch Elvira Castner (1844–1919), einer Akteurin des radikalen Flügels der Frauenbewegung. Castner, eine in Chicago promovierte Zahnärztin,* brachte ihre Idee, eine Gartenbauschule für Frauen zu errichten, aus den USA mit, wo die berufliche Tätigkeit – auch in leitenden Positionen – von Frauen im Gartenbau keine Seltenheit war. Dort, so beobachtete Castner, betrieben die Frauen ihre Arbeit „mit einem Eifer, einer Ausdauer und einem Erfolg, daß kein Mann sich ihrer Leistungen zu schämen hätte. Das gibt ihnen Selbstvertrauen und Thatkraft, sie wissen, daß sie von Niemandem abhängen und Niemanden zu fürchten haben.“* Ein weiterer Aspekt, den Castner in ihren Überlegungen bestärkte, hatte einen volkswirtschaftlichen Charakter. Durch die gezielte Mitarbeit von Frauen sollten der heimische Obstbau gefördert und die Importkosten verringert werden.* Eine Zusammenarbeit mit Hedwig Heyl kam für Elvira Castner nicht infrage – zu verschieden waren die grundsätzlichen Auffassungen über das Schulkonzept: „Ich [Elvira Castner; M.B] legte bei der Ausbildung das Hauptgewicht auf die praktisch-volkswirtschaftliche Seite; Frau Kommerzienrat Heyl hatte die ethisch-erzieherische Seite in erster Reihe im Auge gehabt.“* 1894 nahm Castners Plan mit der Gründung der Obst- und Gartenbauschule für gebildete Mädchen in Friedenau bei Berlin konkrete Gestalt an. Das Schulkonzept und die Lehrinhalte der zweijährigen Ausbildung waren mit den Fächern wie u. a. Obst-, Wein- und Gemüsebau, Bienenzucht, Pflanzenphysiologie, Schädlingsbekämpfung, Chemie, Geometrie und Vermessungskunde gezielt interdisziplinär auslegt und zielten auf eine Erwerbstätigkeit als Berufsgärtnerinnen.* Bereits ein Jahr nach Bestehen schrieb die Lehranstalt schwarze Zahlen und konnte eine Verdoppelung der Schülerinnenzahl sowie eine steigende Nachfrage verzeichnen, woraufhin in Marienfelde, ebenfalls bei Berlin gelegen, ein drei Hektar großes Grundstück erworben wurde. Die dort 1899 errichte Gartenanlage samt Wohn- und Schulgebäude bot nunmehr 40 internen und 20 externen Schülerinnen einen Ausbildungsplatz.* Mit dem Berufsabschluss einer staatlich geprüften Gärtnerin, die von einem Gremium aus hochrangigen Gartenbaudirektoren- und inspektoren durchgeführt wurde, offerierte sich den Absolventinnen die Möglichkeit in staatlichen Park- und Grünanlagen zu arbeiten, in Sanatorien, Krankenhäusern, Gefängnisanstalten, Schulen und Erziehungsheimen angestellt zu werden oder als Gutsgärtnerinnen in Privathaushalten tätig zu sein. Auch eine eigene Gartenbauschule zu eröffnen, war eine weitere Berufsperspektive.* Die Gehälter der Gärtnerinnen wiesen indes eine recht große Bemessungsspanne auf und beliefen sich je nach Tätigkeit, regionalem Standort und den geforderten Leistungen zwischen 400 und 1000 Mark jährlich.* Bereits während der Ausbildung wurden die Schülerinnen dezidiert auf diese Diskrepanz hingewiesen und dementsprechend angehalten, nach Beendigung der Ausbildung weitere Fortbildungs- und Spezialisierungskurse zu absolvieren, um besser bezahlte Stellungen anstreben zu können. Insgesamt schien Castners Konzept auf einen fruchtbaren Boden gefallen zu sein. In der Folge wurden zahlreiche weitere Gartenbauschulen – häufig durch ehemalige Schützlinge – deutschlandweit eröffnet. 1921 bestanden 16 Gartenbauschulen und 47 gärtnerische Fortbildungsstätten, die ebenfalls in den Händen von examinierten Gärtnerinnen lagen.

Strategie II: Frauenbewegte Finanzierungspläne, Vereins- und Öffentlichkeitsarbeit

Der Gärtnerinnenberuf war seit Beginn seines Entstehens auf engste mit der bürgerlichen Frauenbewegung verbunden. Diese Verbundenheit war zu einem eine personenbezogene: Elvira Castner pflegte als Pionierin und einflussreiche Akteurin in der Etablierung des Gärtnerinnenberufs enge Kontakte zum radikalen Flügel der Frauenbewegung, war selbst Mitglied in frauenbewegten Vereinen und avancierte als Berufsexpertin auf Kongressen und Versammlungen der Frauenbewegung.* Durch Castners Beziehungsnetz und ihren Interventionen konnten grundlegend finanzielle Säulen geschaffen werden, die die Umsetzung der Gartenschulpläne erst ermöglichten. So wurde die Errichtung der Gartenbauschule durch Unterstützung des Vereins Frauenwohl, der eine Kommission für die Gartenbauschule ins Leben rief, finanziert. Zudem praktizierte Castner weiterhin als Zahnärztin.* Des Weiteren wurde 1895 der Verein zur Förderung des Frauenerwerbs durch Obst- und Gartenbau gegründet, deren Vorsitz Castner selbst inne hatte. Der Verein verfolgte in seinen Statuten das Ziel „dem Frauenerwerb ein neues Gebiet zu erschließen“ und durch „Durchführung geeigneter Maßnahmen“ unterstützend zu wirken.*Die Unterstützung belief sich in der Einrichtung einer Förderkasse, aus welcher ausgebildete Gärtnerinnen Darlehen als anfängliches Betriebskapital erhalten oder Finanzierungshilfen für Fortbildungskurse beantragen konnten. Die Gelder hierfür flossen aus der ebenfalls von Castner ins Leben gerufenen Frauengenossenschaft mit beschränkter Haftpflicht zur Förderung des Obst- und Gartenbaus, deren Finanzvolumen sich in erster Linie aus Zahlungen frauenbewegter Privatpersonen sowie von Gönnern und Gönnerinnen der Gärtnerinnen zusammensetzte.* 1897 verankerte der Verein seine Zugehörigkeit zur Frauenbewegung auch auf organisatorischer Ebene und schloss sich dem Dachverband aller Frauenvereine, Bund deutscher Frauenvereine (BDF), an. Folgend wurde eine Vielzahl weiterer Gärtnerinnenvereine gegründet, von denen Flora mit ca. 1000 Mitgliedern der frequentierteste war.*

Eine weitere frauenbewegte Strategie, den Gärtnerinnenberuf zu forcieren, war eine gezielte Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die zum einen über diverse Publikationsorgane, Broschüren und Zeitschriften der Frauenbewegung sowie über das Veröffentlichen von Artikeln in gärtnerischen Fachjournalen Ausdruck fand. Neben dem Schalten von Werbeanzeigen und Annoncen für Gartenbauschulen und Fortbildungskurse bediente sich besonders Elvira Castner einer gewieften Taktik: Zu den Prüfungen, die von einer staatlichen Prüfungskommission abgenommen wurden, lud sie gezielt öffentlich bekannte und einflussreiche gärtnerische Fachmänner (Gartenbaudirektoren, Landschaft- und Obergärtner, Fachjournalisten u. a.) ein, um den gärtnerisch-wissenschaftlichen Anspruch sowie die erworbene Expertise ihrer Schülerinnen zu demonstrieren. Geladen wurden besonders Personen, die dem Gärtnerinnenberuf ablehnend gegenüberstanden, wie beispielsweise der Königliche Gartenbauinspektor Julius G. Radicke (1829–1898) aus Danzig, der nach seinem Besuch „von der Gründlichkeit und Tüchtigkeit der Ausbildung überzeugt […] durch ein warmes Lob seine früheren Ansichten widerrufen [hatte].“

Sie möchten weiterlesen?

Loggen Sie sich mit Ihrem Premium-Account ein oder erhalten Sie jetzt freien Tageszugang mit der Bestellung unseres Newsletters!

Jetzt gratis weiterlesen!
  • Zugriff auf alle Premium-Artikel der Seite!
  • Keine Kündigung erforderlich (Premium-Zugang endet automatisch)
  • Gratis und unverbindlich!
  • Zusätzlicher Fach-Newsletter für 0,00 €

Sie sind bereits Premium-Mitglied?

  Login