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aus dem Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
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Digitalisierung der Arbeit – Veränderungen von Bewertungen geschlechtstypischer Tätigkeiten

Veränderungen von Bewertungen geschlechtstypischer Tätigkeiten

Mit den digitalen Technologien verändern sich auch Arbeitsinhalte, Arbeitsplatzprofile und Tätigkeiten, Berufe und Berufsbilder. Bisher ist nur in Ansätzen zu erkennen, inwiefern dies genderrelevante Effekte haben könnte. So ist zwar denkbar, dass sich hieran auch eine Neubewertung von geschlechtlich konnotierten Tätigkeitsfeldern anschließt und Digitalisierung die Wertschätzung von Tätigkeiten verändert; bisher zeigen die empirischen Befunde allerdings nicht, dass beispielsweise die steigende Bedeutung kommunikativer und sozialer Kompetenzen für vernetztes, digitales Arbeiten Vorteile für Frauen bietet, nur weil dies Fähigkeiten sind, die in stereotypen Deutungsmustern als ‚weiblich‘ wahrgenommen werden.

Von größerer Bedeutung sind sicherlich die Veränderungen von verwaltenden Tätigkeiten. So lässt sich beobachten, dass zum Teil vor allem die Sekretär_innen-Tätigkeiten umorganisiert wurden; viele Tätigkeiten (Reisebuchungen etc.) erledigen Beschäftigte und Führungskräfte mit Hilfe von digitalen Technologien oft selbst. Das hat zwei Effekte: Die Jobs bzw. Teile der früher von Frauen ausgeführten Verwaltungstätigkeiten werden wegrationalisiert; die Tätigkeitsbereiche von (teilweise eher männlich dominierten) Führungspositionen werden erweitert, was bei diesen zu einer Arbeitsverdichtung führt. Allerdings handelt es sich damit nur bedingt um eine technikbezogene Rationalisierung, weil die Tätigkeiten nicht weggefallen sind, sondern nur verlagert werden. Die ersten Ergebnisse unserer Interviews hierzu hierzu sind dementsprechend ambivalent; die sich abzeichnenden Veränderungen könnten durchaus grundlegenden Charakter haben und sollten von den betrieblichen Akteur_innen aufmerksam beobachtet werden.

Fazit: Kleine Erleichterungen bei gleichzeitiger Verunsichtbarung von Mehrarbeit und Vereinbarkeitsleistungen

Bisherige Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Effekte der Digitalisierung der Arbeit auf die Geschlechterverhältnisse nur graduell sind: Es lassen sich kleinere Erleichterungen und Entspannungen im (Arbeits-)Alltag durch flexibles, digitales Arbeiten beobachten, die die Vereinbarkeit insbesondere bei spontanen Notfällen erleichtern, sowie Möglichkeiten, mehr zu arbeiten, was sowohl hinsichtlich der materiellen Absicherung als auch hinsichtlich der Entwicklungsmöglichkeiten im Unternehmen positive Effekte für Frauen (sowie die wenigen Männer) auf Teilzeitstellen haben kann. Auch wenn digitale Formen der Zusammenarbeit – auch technisch – immer besser und routinierter funktionieren, bleibt körperliche Anwesenheit für Anerkennung, Profilierung und informelles Netzwerken von großer Bedeutung, gerade für Frauen nach der Elternzeit oder in Teilzeit. Hinsichtlich der Verschiebung von Tätigkeiten bleibt abzuwarten, ob eher Frauen- oder eher Männerberufe betroffen sein werden; bisher sind es in der betrieblichen Praxis spürbar vor allem die Verwaltungstätigkeiten und damit Berufe von Frauen, die sichtbar von Rationalisierung betroffen sind, zum Teil zu Lasten von Arbeitsverdichtungen in anderen Bereichen.

Arbeits- und Rollenteilungen zwischen den Geschlechtern werden in der Regel nicht in Frage gestellt, nur weil die technologischen Rahmenbedingungen sich ändern. Es sind vielmehr die Vorstellungen von Elternsein, Väter- und Mütterbilder, betriebliche Anforderungen und Arbeitsbedingungen sowie Ansprüche an das eigene Leben, die die Ausgestaltung des Alltagsarrangement und die Arbeitsteilung prägen, nicht die Technik. Im Falle von Frauen, die auf Teilzeitstellen arbeiten, stabilisieren die neuen Arbeitsformen das Zuverdienermodell, wenngleich die Ungleichheiten im Arbeitsumfang zwischen den Geschlechtern zum Teil durch eine ‚größere Teilzeit‘ von Frauen sinken.

Die Belastungen für Menschen mit Sorgeverpflichtungen nehmen zu: Es wird mehr, effektiver, verdichteter gearbeitet. Gerade mit Kind(ern) wird es möglich, ‚nebenbei‘ möglichst viel zu arbeiten, möglichst viel (gleichzeitig) zu schaffen und sich trotzdem um die Kinder zu kümmern. Digitale Technologien sind hierfür – nur oder immerhin – die idealen Hilfsmittel der Alltags- und Lebensplanungsoptimierung. Gesellschaftspolitische Aushandlungen dazu, wie bezahlte und unbezahlte Arbeit (geschlechter-)gerechter gesellschaftlich verteilt und organisiert werden können, bleiben dabei weitgehend aus. Im Gegenteil: Fragen nach (Un-)Vereinbarkeiten von Beruf und Familie, unsichtbarer und unbezahlter Mehrarbeit, Doppelbelastungen und fehlenden Ruhezeiten verschwinden durch die digitale Machbarkeit aus der öffentlichen und betrieblichen Aufmerksamkeit, werden individualisiert gelöst und damit unsichtbar, zum Teil werden Ungleichheiten noch verschärft (auch Lott/Chung 2016).

Für die betrieblichen Akteure und deren Möglichkeiten, die Digitalisierung der Arbeit mitzugestalten, geben diese Ergebnisse wichtige Hinweise. Die positiven Effekte auf Entlastungen, höheres Einkommen durch eine höhere Wochenarbeitszeit sowie Entwicklungsmöglichkeiten verweisen auf die Bedeutung flexibler Arbeitsarrangements für geschlechterpolitische Maßnahmen. Gleichzeitig braucht es beim Personalmanagement wie bei den Mitbestimmungsakteur_innen aber auch eine Sensibilität für die Dynamiken der Verunsichtbarung von Mehrarbeit, Belastungen, Arbeitsverdichtungen und Vereinbarkeitsproblemen. Neben gut funktionierenden digitalen Technologien sind betriebliche Regelungen, gleichstellungssensible und familienfreundliche Arbeitskulturen entscheidende Stellschrauben.

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