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Die Konstruktion von Weiblichkeit in juristischen Lehrmaterialien

Die Konstruktion von Weiblichkeit in juristischen Lehrmaterialien

Die konservative Prägung lässt sich insbesondere anhand des Frauenbilds, das sich in juristischen Lehrmaterialien findet, exemplarisch aufzeigen.

Ein Blick auf Geschlechterbilder in juristischen Lehrmaterialien von 1960 – 2000

2003 habe ich zur Konstruktion von Weiblichkeit in juristischen Lehrmaterialien einen Artikel mit dem Titel „Die staubwischende Hausfrau oder: Diamonds are a girl’s best friends“ geschrieben (Schultz 2003a):

„Als ich studierte (von 1966 – 1970) wurden junge Juristen und die wenigen Juristinnen mit einem sehr spezifischen Repertoire von Frauenfiguren in juristischen Lehrmaterialien und im juristischen Unterricht konfrontiert. Frauen waren heiratswütig, nahmen niederrangige Rollen ein, hießen – ganz unzufällig – Rita Busento, Biene Konku (Repetitor Rottman in München), Berta Bumske, Tramina Tramm (Repetitor Schneider in Bonn) oder waren Dämchen Dämlich und Fräulein Fröhlich. In Lehrveranstaltungen wurde mit großem Vergnügen die Widerstandsfähigkeit der jungen Juristinnen gegen schlüpfrige Bemerkungen getestet. 1977 veröffentlichten Franziska Pabst und Vera Slupik eine Analyse des Frauenbilds im zivilrechtlichen Schulfall* und stellten fest, daß Frauen in den Ausbildungsfällen stark unterrepräsentiert sind, als Sexualobjekte stereotypisiert werden,* mehrheitlich über ihre Beziehungen zu Männern definiert und tendenziell in passiven Rollen dargestellt werden. Zwanzig Jahre später, Mitte der neunziger Jahre ließ ich meine jungen Mitarbeitenden ihre Lehrbücher und Unterrichtsmaterialien auf das darin verwendete Frauenbild analysieren. Es hatte sich nicht viel geändert. Frauen kamen kaum vor. Auch wenn – wie bei juristischen Fällen gern gebräuchlich – die handelnden Personen mit V und K oder S und G bezeichnet waren, ergab sich aus den Personal- und Possessivpronomen (er/sein), daß es sich dabei um Verkäufer und Käufer und Schuldner und Gläubiger handelte. Wenn Frauen eine Rolle spielten, dann weniger als agierende, denn als betroffene Personen, gern charakterisiert durch ‚typisch‘ weibliche Situationen, wie den berühmten Kaffeeklatsch, und mit Attributen ‚typisch‘ männlicher Feindbilder belegt. (dick, hässlich, ungeschickt usw.) Es wimmelte nach wie vor von Ehefrauen, Bräuten und von Dienstmädchen – auch wenn die aus der sozialen Realität schon seit Jahrzehnten verschwunden sind. Beispielhaft sei hier das weibliche Repertoire anhand des Lehrbuchs von Brox, BGB Allgemeiner Teil, vorgestellt.* Das Buch enthält rund 230 Fälle, in 20 spielen Frauen eine Rolle. Es ist 1976 ist erster Auflage erschienen, 1997 in 21. und vorerst letzter Auflage.* Zwanzig Jahre lang haben fast alle jungen Jurastudierenden dieses Buch genutzt. Das Buch ist immer juristisch aktualisiert worden, zuletzt von einem Stab von Mitarbeitern. Die Fallkonstellationen sind geblieben. Sie waren schon bei Ersterscheinen des Buches von Vorgestern. Das erste Mal tauchen Frauen in einem Fall zur ergänzenden Auslegung einer Willenserklärung auf. Der Hausherr H (nicht der Ehemann) verlässt das Haus und schärft der Hausangestellten D (wie Dämlich oder Dienstmädchen) ein, daß sie niemandem die Tür öffnen solle. Die Ehefrau E kehrt vorzeitig von einer Reise zurück, hat aber keinen Schlüssel mit. Nunmehr ist die Frage, ob D wirklich dämlich ist und sie nicht hereinlässt oder ob sie zur ergänzenden Auslegung der Willenserklärung des H in der Lage ist, seinen mutmaßlichen wirklichen Willen ermittelt und die E hereinlässt.

Weitere Fälle:

Eine Ehefrau findet einen Brief beim Staubputzen und wirft ihn in den Postkasten, obwohl er nicht abgeschickt werden sollte. Eine Ehefrau hat ihren Hund Fiffi zum Alleinerben eingesetzt. (Was Ehefrauen doch für Dummheiten machen!) Frau A und Frau B streiten sich um ein und dasselbe Modellkleid für 900 DM (verschwiegener Hang zur Verschwendungssucht). Frau K hat sich auf einer Kaffeefahrt eine Heizdecke aufschwatzen lassen (klar, Frauen sind geschäftlich unerfahren). Dann werden erwähnt: das Fräulein F, mit dem die Ehe eingegangen werden soll, eine Braut vor der Eheschließung, eine Tochter, die heiratet – ihr Vater ist Fabrikant –, eine Nachbarin, die ein Kind in Pflege hat, eine Frau, die der Nachbarin Eier leiht, eine Frau, die dem Friseur ihren Zopf verkauft, die Geliebte G, die zur Belohnung des ehebrecherischen Verhältnisses als Alleinerbin eingesetzt wird,* der K, der seiner Freundin einen Ring schenken will. Die Berufsrollen, die Frauen einnehmen, sind: Verkäuferin, Telefonistin, Sängerin – die wegen Erkrankung des Kindes nicht auftritt–, eine Frau, die durch Schreibarbeiten Geld verdient. Und schließlich gibt es das Grab der Mutter, das der Sohn nicht besuchen darf, weil es der Vater verbietet. Dies ist das gesamte Repertoire. Wie also sieht die Frau aus? Sie ist Ehefrau, mit Kindern und vielleicht Hund, hat eine Hausangestellte, lange Haare, trägt ein teures Kleid, gekauft mit dem Geld des schwer arbeitenden Mannes, ist – wenn sie denn arbeitet – beruflich in untergeordneter Position tätig. Als Lohn gibt es zu Lebzeiten Schmuck, und hinterher weint der Sohn am Grab des lieben Mütterleins. Frage: Erkennen Sie sich wieder?

Der Gerechtigkeit halber ist zu erwähnen, daß auch Männer in wenig schmeichelhaften Rollen erscheinen. Sie sind vorrangig charakterisiert durch Berufsrollen und „typisch männliche“ Eigenschaften. Sie schließen Verträge und begehen unerlaubte Handlungen, sind: Ausländer, Räuber, Zecher, Schläger, Drogenhändler, aus Strafhaft Entlassene.

In Lehrbüchern zum Schuldrecht wird Kaufen gern weiblich belegt, Schädigen männlich. In Lehrbüchern zum Sachenrecht haben Männer das Eigentum am Auto, Fernseher, Banksafe, Grund- und Boden, die Frau ist Eigentümerin von Herd und Kühlschrank.

In einer Analyse der juristischen Lehrmaterialien, die Anfang der 90er an der FernUniversität im Einsatz waren, wurde festgestellt: Hier entsteht der Eindruck, daß selbstbewusste, selbständige Frauen so gut wie gar nicht existieren. Frauen werden überwiegend einem Manne zugehörig dargestellt, bzw. treten nur als Schwangere oder Mütter auf.

Auch Repetitoren, die von Juristen und Juristinnen zur Examensvorbereitung gern in Anspruch genommen werden, verwenden nach wie vor mit Vergnügen ein Typenrepertoire, das der Bäckerblume oder Metzgerzeitung entsprungen zu sein scheint. Bei Abels und Langels gibt es vier Leitfiguren: Wilhelm Brause, den Hallodri, Anton Gluffke, den ausgebufften Geschäftsmann, das etwas vertrottelte Mütterchen Mü und Fräulein F, zuvor Fräulein Juff.

In einem Lehrbuch zum Sachenrecht, das 1993 in Erstauflage erschienen ist,* tritt immer noch ein Dienstmädchen auf. Dies zeigt wie nachhaltig die Fall-Stereotype wirken. Jede/r kann dies in Gesprächen mit Juristen miterleben, die sich nach zwanzig Jahren noch genau an Lila Laila, den Eisenbahnfahrschein 3. Klasse oder was immer ihnen in Hausarbeiten und Klausuren begegnet ist, erinnern. Ich beobachte dies auch im Rechtskundeunterricht, den Juristen abhalten. Sie greifen mit Vorliebe auf das Fallmaterial zurück, mit dem sie in ihrer Ausbildung konfrontiert worden sind.*

Die Frage ist, welche Auswirkung diese verzerrte Darstellung einer patriarchalen Welt* auf Juristen hat. Sie sind sicherlich in der Lage, die Realität zu erkennen und zu beurteilen. Das gehört zu ihrem Beruf. Konstruieren sie sich einen Wunschtraum von Wirklichkeit? Vielleicht: Für Menschen in Führungspositionen und Freiberufler ist auch heute noch eine brave Ehefrau, die ihnen den Rücken freihält, wünschenswert. Interessant ist, wie dieses Weltbild tradiert wird. Durch Lachen, durch Verlachen, ein professionstypisches Gelächter, das Überlegenheitsgefühl schafft. (Kotthoff 1988) Hier geht es um berufliche Sozialisationsmechanismen, und diese erfassen nicht nur Männer, sondern auch die mittlerweile fast 50 Prozent Frauen in der Juristenausbildung. Liebe Kolleginnen, habt Ihr nicht mitgelacht?“*

Sozialisation durch Knallchargen als Motivationshilfen

Bereits 1977 hatten sich Franziska Pabst und Vera Slupik – wie beschrieben – in einem viel beachteten Artikel, der auf einer inhaltsanalytischen Untersuchung juristischer Lehrmaterialien basiert, mit dem Frauenbild im zivilrechtlichen Schulfall auseinandergesetzt, „um die Annahme zu belegen, dass die Sachverhalte juristischer Schulfälle gesellschaftliche Realität in stereotyp verzerrter Weise wiedergeben“ (Papst/Slupik 1977, S. 242). Sie stellten fest, dass die drastischen Beispiele Motivationshilfen sein sollen, um in der fallbasierten Ausbildung, „den trockenen Stoff durch einfallsreiche Fallgestaltung attraktiver zu machen“

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