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aus dem Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
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Das Wechselmodell – Aktuelle Erfahrungen aus der Praxis

Es gibt erfolgreich gelebte Wechselmodelle. Und es gibt Fälle, in denen ein Elternteil sich wünscht, es könnte ein Wechselmodell gelebt werden, der andere Elternteil dies aber nach Kräften torpediert. Es gibt aber auch viele Fälle, in denen direkt nach der Trennung – wenn auch für die Beteiligten manchmal schweren Herzens – fest steht, bei wem die Kinder in Zukunft leben werden, weil dies vielleicht der Betreuungssituation vor der Trennung entspricht oder die Arbeitssituation der Beteiligten keine andere Lösung zulässt. Manchmal entspricht dies auch schlicht dem Wunsch der Kinder. Manchmal halten nach der Trennung gefundene Lösungen bis die Kinder aus dem Haus gehen, manchmal nicht einmal ein halbes Jahr. Neue Partner kommen hinzu, es ergeben sich berufliche Veränderungen, Stiefgeschwister werden geboren und manchmal erfordert auch einfach nur die Pubertät andere Lösungen. Die Praxis lehrt vor allem eins: Eltern sind verschieden. Kinder auch. Jede Familie ist ganz individuell, jede Trennung anders, wenn auch immer sehr belastend, zumindest für die betroffenen Kinder. Erforderlich ist eine individuelle Lösung für jeden Einzelfall, die immer wieder der Gesamtsituation und den Wünschen aller Beteiligten angepasst werden kann und muss. Große Schwierigkeiten habe ich in der Praxis, wenn Mandanten sich an mich wenden mit der Bitte um eine „gerechte Lösung“, denn Gerechtigkeit wird von den Beteiligten meist recht subjektiv empfunden, und Kinder aller Altersstufen haben erfahrungsgemäß eine von den Vorstellungen der Erwachsenen deutlich abweichende Vorstellung von dem, was Gerechtigkeit ist. Vor allem kleinere Kinder finden es ungerecht, dass Mama und Papa nicht mehr zusammenleben wollen und deswegen ihre bis dahin hoffentlich heile Welt zerbricht. Dies können aber weder Eltern noch Anwälte oder Richter durch welches Modell auch immer ändern. Es gibt nach meiner ganz persönlichen Auffassung auch keine „gerechte Aufteilung“ eines Kindes. Eltern, die sich mit dieser Bitte an mich wenden, erhalten von mir regelmäßig den ironisch gemeinten Vorschlag, es mit der salomonischen Lösung* zu versuchen und das Kind in der Mitte durchzuschneiden. Ich versuche mit diesem drastischen Beispiel Eltern klarzumachen, dass sie mit kleinen und großen Ungerechtigkeiten werden leben müssen, denn ein Kind kann nicht wie ein Sparkonto und Hausratsgegenstände hälftig geteilt werden. Es gibt auch keinen Ersatz in Geld für entgangene schöne Momente. All dies sollte Partnern klar sein, bevor sie die Tür hinter sich ein letztes Mal schließen, gleichgültig ob diese Entscheidung von ihnen selbst ausgeht oder vom Partner.

An diesen Problemen ändert meines Erachtens nach das Wechselmodell nichts. Natürlich bekommt jeder genau gleich viel Zeit mit den gemeinsamen Kindern, aber um welchen Preis? Ich möchte nicht jede Woche in einer anderen Wohnung leben und jedes Mal meinen ganzen Hausstand von a nach b tragen müssen. Möchte ich dies dann von meinem Kind verlangen?

Wenn das Wechselmodell tatsächlich als gesetzlicher Regelfall eingeführt wird, dann würde ich es als Anwältin im Zweifel verlangen müssen und zwar nicht nur in all den Fällen, in denen es in der Praxis mehr oder weniger reibungslos funktionieren und vielleicht sogar von den betroffenen Kindern gewünscht wird, sondern in allen Fällen. Angeblich ist dieser Paradigmenwechsel notwendig, um gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung zu tragen. Dies halte ich schlichtweg für falsch. Ja, Väter übernehmen zunehmend mehr Verantwortung im Rahmen der Erziehung ihrer Kinder, und dies ist für alle Beteiligten absolut begrüßenswert. Väter gehen in Elternzeit und nehmen Elterngeld in Anspruch, aber wirft man einen Blick auf die Zahlen, stellt man fest, dass dieser Trend sich nur langsam durchsetzt. Noch ist es so, dass Männer häufig doch nur die Partnermonate nehmen und längerfristig die Frau daheimbleibt und nur in Teilzeit wieder einsteigt, um den Hauptteil der Betreuungsleistung übernehmen zu können – nicht zuletzt, weil viele Frauen nach wie vor weniger verdienen als ihre Männer. Kinder müssen ja nicht nur betreut, sondern auch ernährt werden. Viele Familien entscheiden sich schlicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit heraus für das klassische Rollenmodell. In dieser Situation bildet die Einführung des Wechselmodells als Regelfall nicht die gesellschaftliche Realität ab, sondern versucht, eine solche zu schaffen, ohne dass hierfür die Rahmenbedingungen vorhanden sind. Ein zum Scheitern verurteiltes Projekt! Es kann auch nicht die Aufgabe der Kinder sein, wie es der Antrag der FDP voraussetzt, durch ihr Aufwachsen im Wechselmodell zu ermöglichen, dass ihre Eltern sich Kompromissfähigkeit und Kooperationsbereitschaft aneignen, damit dieses Modell gelingt. Dies kann niemals dem Kindeswohl entsprechen.

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