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Assistenzhunde kein Problem für Lebensmittelhygiene

Foto: Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen / www.flickr.com
Als Hundebesitzer möchte man sein vierbeiniges Familienmitglied gerne überall mit hinnehmen. Das ist jedoch nicht immer möglich. Es gibt Orte, an die dürfen Hunde nicht mitkommen. Seien es bestimmte öffentliche Verkehrsmittel oder Lebensmittelläden, hier müssen Hunde leider draußen bleiben und warten. Doch es gibt eine wichtige Ausnahme: Assistenzhunde.

Assistenzhunde sind speziell ausgebildete Hunde, die Aufgaben erlenen, um ihrem Menschen mit einer Schwerbehinderung im Alltag zu helfen. In seiner Ausbildung lernt er mindestens drei Aufgaben, die die Behinderung des menschlichen Partners direkt mindern. Außerdem müssen Assistenzhunde einen sehr hohen Standard in der Öffentlichkeit einhalten. Sie dürfen unter anderem nicht schnüffeln und müssen andere Menschen und auch Hunde ignorieren, damit sie ihren Menschen 24 Stunden begleiten und unterstützen können. Der behinderte Mensch ist in diesem Fall auf die Hilfe des Assistenzhundes angewiesen, um Einkaufen oder zum Arzt zu gehen.

Leider gibt es immer wieder Missverständnisse in Bezug auf das Mitführen von Assistenzhunden und auch mangelhafte Rücksichtnahme.

Plötzlich darf der Hund nicht mit

Im Jahr 2015 berichteten einige Zeitungen von Dr. Rüggebergs Erlebnis in oder besser gesagt vor einem Bio-Supermarkt. Dr. Rüggeberg verlor sein komplettes Augenlicht und wird daher von seinem Blindenhund, dem Golden Retriever Benley, begleitet. Benley führt Dr. Rüggeberg durch die komplette Stadt und begleitet ihn überall hin, auch in einen Bio-Basic-Markt. Doch eines Tages stellt sich ihm der Geschäftsführer in den Weg und behauptet: „Der Hund darf hier nicht rein!“

Trotz der Erklärung, dass es sich bei Benley um einen ausgebildeten Blindenhund handelt, hat der Geschäftsführer wenig Verständnis für die Situation und meint, Dr. Rüggeberg könnte den Hund draußen anbinden, wenn er den Laden besuchen will. Die Diskussion geht so weit, dass der Geschäftsführer die Polizei ruft, um den 66-jährigen Dr. Rüggeberg und seinen Blindenhund des Grundstücks zu verweisen – eine unvorstellbare Situation. Die Polizei ist zwar freundlich zu dem Blinden, macht jedoch einen rechtlichen Fehler. Sie entscheidet, dass der Geschäftsführer auf sein Hausrecht pocht und Dr. Rüggeberg den Laden verlassen muss.

Nach § 33 des Sozialgesetzbuchs, fünftes Buch, sind Blindenführhunde als medizinisches Hilfsmittel anerkannt, genau wie ein Rollstuhl. Außerdem stellt nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ein generelles Verbot der Mitnahme eines Blindenführhundes oder eines anderen Assistenzhundes eine unzulässige Diskriminierung im Sinne von §3 Abs. 2, 19 AGG dar. Dies gilt ungeachtet eines generellen Verbotes zur Mitnahme von Hunden und auch ungeachtet der Regelungen zum Hausrecht.

Besser informiert war die Polizei bei einem Vorfall in Melbourne. Louise Pearson ist blind und fährt jeden Tag zusammen mit ihrem Blindenhund Arthur mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Doch an einem Morgen verweigert ihr ein Busfahrer den Einstieg. Er bestand darauf, dass Hunde im Bus verboten sind. Pearson und einige andere Passagiere versuchten, dem Busfahrer zu erklären, dass es sich bei Arthur um einen Assistenzhund handelt und mitfahren dürfte. Doch der Busfahrer blieb stur. 50 Minuten lang stritten der Busfahrer und Pearson, in denen der Busfahrer sogar behauptet, dass es sich bei Arthur nicht um einen Blindenhund handelte. Am Ende rief der Busfahrer die Polizei. Als die Beamten vor Ort waren, boten sie der Frau sofort an, sie zur Arbeit zu fahren. Doch Pearson wollte nicht aufgeben. Sie kannte ihr Recht und schließlich musste der Busfahrer nachgeben und sie und ihren Hund Arthur mitnehmen.

Aber die Hygienevorschriften …

Auch Diana (26) ist auf ihren Blindenhund angewiesen. 2010 besuchte sie zusammen mit ihrem Freund einen Rewe-Markt. Bereits kurz nach Betreten des Ladens wurden sie von einer Verkäuferin darauf hingewiesen, dass Dianas Blindenhündin Kira nicht mit in den Laden kann. Diese akzeptierte die Erklärung, dass es sich bei Kira um einen Assistenzhund handelt und ließ die Drei in den Laden. Danach kreuzte jedoch der stellvertretende Marktleiter auf und sagte dem Paar, dass Hunde nicht in Lebensmittelmärkte mitgenommen werden dürfen. Es sein ein Verstoß gegen Hygienevorschriften. Diana erklärte dem Mann, dass diese Vorschrift nicht für Führhunde gilt, da es eine gesetzliche Ausnahme gibt. Diese legte ihr Freund dem stellvertretenden Geschäftsführer sogar schriftlich vor.

Der Marktleiter blieb unbeeindruckt und schlug vor, dass ihr Freund für sie einkaufen könnte, während sie draußen mit dem Hund wartet. Als das Paar die Option ausschloss, fragte der Marktleiter sogar, ob es nicht speziell ein Geschäft für Blinde gebe und forderte die beiden auf sich einen anderen Laden zu suchen. Diana entgegnete ihm, dass er beim Gesundheitsamt anrufen sollte, um dort nachzufragen. Daraufhin wurde der Marktleiter aggressiv. Er schmiss die beiden mit einem drohenden Hausverbot aus dem Laden und schubste dabei sogar den Hund. Eine halbe Stunde wartete das Paar bei 33 Grad im Schatten vor dem Laden, ob noch eine Reaktion aus dem Geschäft kommt. Dann suchten sie sich ein anderes Geschäft.

Die WAZ-Redaktion erkundigte sich einige Tage später bei einer Rewe-Sprecherin. Diese gab an, dass der Marktleiter sich bei dem Vertriebsleiter gemeldet hatte, um eine Kulanzlösung zu finden und der Hund hätte dann schließlich doch in den Markt gedurft. Leider wäre das Paar zu diesem Zeitpunkt einfach gegangen. Außerdem gab die Pressesprecherin an, dass das Paar den Hund bei der Kasse hätten abgeben können und ein Mitarbeiter als Einkaufshilfe mitnehmen können.

Eine bizarre Vorstellung. Stellen Sie sich vor, ein Rollstuhlfahrer müsste an der Kasse seinen Rollstuhl abgeben oder ein Blinder seinen Blindenstock. Daher hier noch mal eine gesetzliche Klarstellung: Das Verbot zum Mitführen von Assistenzhunden in Supermärkten und Lebensmittelgeschäften ist eine unzulässige Benachteiligung, aus der Betroffene Ansprüche auf Beseitigung der Beeinträchtigung sowie auf Unterlassung von ähnlichen Benachteiligungen ziehen. Außerdem haben sie ein Recht auf Schadensersatz.

Assistenzhunde können Überlebenswichtig sein

Nicht nur den Geschäftsführern oder Verkäufern fehlt es an Einfühlvermögen. Kund*innen und Passagiere beschweren sich über Assistenzhunde. Sei es, weil sie Angst haben, Allergien haben oder Hunde einfach nicht mögen. Diese Beschwerden führen natürlich zu Konflikten und bringen auch die Arbeitnehmer*innen in Bedrängnis, sodass sich oft dazu entschieden wird, Menschen mit Assistenzhunden dennoch aus Läden oder Fahrzeugen zu verweisen, wenn diese nicht auf ihren Hund verzichten wollen.

Dabei wird nicht selten übersehen, dass Assistenzhunde nicht nur vom Gesetz her sehr wohl mehr dürfen als andere Hunde, sondern für den Menschen auch oft überlebenswichtig sind und daher nicht einfach an der Kasse, am Eingang oder wo auch immer abgestellt werden können. So gibt es nicht nur Blindenhunde oder Mobilitätsassistenzhunde, sondern auch PTBS-Assistenz-, Diabetikerwarn-, Signal, Epilepsiewarn-, Epilepsieanzeige-, Autismus-, Asthmawarn-, Anzeige- (Helfen z. B. bei Herzerkrankungen), Allergieanzeige-, Schlaganfallwarn-, FAS-Assistenz-, Demenz-Assistenz- sowie Assistenzhunde für Menschen mit psychischen und psychiatrischen Erkrankungen (z. B. Depressionen, Borderline, Schizophrenie usw.).

Befindet sich ein Mensch, der z. B. auf Sesam allergisch ist, mit seinem Allergieanzeigehund bei einem Bäcker, kann der Hund ihm einwandfrei davor warnen, ob sich in dem gleich zu verspeisenden Gebäck Sesam befindet oder nicht. Denn traurigerweise können Verkäufer diese Information oft nicht fehlerfrei wiedergeben. Oder stellen Sie sich vor, ein Mensch, der unter Epilepsie leidet, müsste in der Öffentlichkeit auf seinen Hund, der ihm im Notfall Hilfe holen könnte, verzichten.

Assistenzhunde können nur dann ihre Arbeit gut machen und ihrem Menschen helfen, wenn sie dabei nicht behindert oder gestört werden! Wenn jemand einen Assistenzhund hat, dann hat dies einen guten Grund. Dafür muss die Person nicht noch Rede und Antwort stehen. Es ist sogar eine Diskriminierung denjenigen nach der Art seiner Behinderung zu fragen. Als Nachweis für das Zutrittsrecht genügt der Behindertenpass und die Eintragung, dass der Mensch auf einen Assistenzhund angewiesen ist.

Quellen und Hintergründe:





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