Werden Sie Premium-Mitglied!
Als Premium-Mitglied profitieren Sie uneingeschränkt von allen Inhalten.
Jetzt gratis Newsletter abonnieren!
Beiträge
aus dem Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Beiträge lesen >>
 
Sie müssen eingeloggt sein, um Artikel weiterleiten zu können.

Alltäglicher Sexismus in Italien

Quelle: © Espressolia / PIXELIO
Schön seien seine Mitstreiterinnen. Viel mehr hatte der Moderator des populären Sanremo-Festivals nicht zu sagen und löste mit seiner unbedarften Äußerung eine Welle der Empörung in den sozialen Netzwerken aus.

Das Festival di Sanremo ist ein fünftägiger musikalischer Wettbewerb, der von über zehn Millionen Zuschauern verfolgt wird. Die einheimischen Medien berichten während des Wettbewerbs über fast nichts anderes und nun ist es bald wieder so weit. Am 4. Februar beginnt das Großereignis bereits zum 70. Mal.

Zehn Schönheiten

Nun wurde bereits länger darüber debattiert, dass das vom staatlichen Fernsehsender RAI 1 veranstaltete Musikfestival zu männerdominiert sei. Daher entschied sich der Moderator Amadeus Sebastiani, zehn Frauen mit sich auf die Bühne des Ariston-Theater zu nehmen. Eigentlich eine gute Idee, doch leider hatte der 59-Jährige bei der Pressekonferenz nicht allzu viel zu den Qualitäten seiner Begleiterinnen zu sagen. Sie seien alle „molto belle“. Und wie schön diese Frauen doch seien, das betonte Amadeus immer wieder, was aus den zehn Frauen zwar famose Showgirls macht, aber daraus allein sicherlich noch keine geeigneten weiblichen Vorbilder, die im Fernsehen präsent sein sollten.

Nur eine Qualität vermochte Amadeus dann doch zu benennen: Er sagte, dass er die Freundin des Motorradfahrers Valentino Rossi nicht nur ausgewählt habe, weil sie wunderschön sei, sondern auch wegen ihrer Fähigkeit, neben einem großen Mann zu bestehen, indem sie einen Schritt zurück gemacht habe.

Der Widerstand regt sich

Die sozialen Netzwerke ließen in diesem Fall natürlich nicht lange auf sich warten. Viele Italienerinnen äußerten sich schockiert über solchen „Machismo“. Die Einstellung des Moderators aus Ravenna sei sexistisch und förderte alte Stereotype. Dabei entstand sogar der Hashtag #BoycottSanremo.

Doch nicht nur die sozialen Netzwerke kochen. Die Gleichstellungskommission der Gewerkschaften der RAI und der Verband italienischer Journalistinnen werfen Amadeus die Verletzung des Dienstleistungsvertrages vor, der die Förderung der Gleichberechtigung und die Überwindung der klischeehaften Darstellung der Geschlechter im öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorschreibe. Und Parlamentarierinnen aus allen Parteien bezichtigten den Moderator in einem Brief des Sexismus und forderten eine öffentliche Entschuldigung.

Auch direkte Kolleg*innen sind wenig angetan von Amadeus Äußerungen. Michelle Hunziker, die 2018 das Musikfestival moderierte, äußerte sich in einem Video genervt über die fehlende Sensibilität ihres Kollegen.

Nur die zehn Schönheiten verstehen die ganze Aufregung nicht und wollen sich den Auftritt auf der berühmtesten Bühne natürlich nicht vermiesen lassen. Francesca Sofia Novelle – Boxen-Girl, Model, Influencerin und ebenfalls mit einem berühmten Sportler verheirate – erklärte, sie finde das ganze „Tamtam“ lächerlich.

Italien braucht eine kulturelle Veränderung

Zwar hat sich Amadeus inzwischen entschuldigt, aber nun ist das Kind leider schon in den Brunnen gefallen. Die Reaktionen auf seine Äußerungen sind nicht zuletzt wohl deshalb so vehement ausgefallen, weil in Bezug auf Gleichberechtigung in Italien ein großes Unwohlsein herrscht.

Sexismus und Frauendiskriminierung sind in Italien noch in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft tief verwurzelt. Im Global Gender Gap Report 2020 liegt Italien weit abgeschlagen hinter den meisten anderen europäischen Staaten auf Platz 76. Der Anteil der Frauen im Parlament beträgt gerade Mal 35 Prozent, ohne dass Italien in seiner Geschichte eine Ministerpräsidentin oder eine Präsidentin verzeichnen kann. Auch in Bezug auf häusliche Gewalt und Beziehungsdelikte gegen Frauen schneidet Italien schlecht ab. In vielen Fällen von „femminicido“, so wird Gewalt gegen Frauen genannt, hatten die Opfer den Staat zuvor vergeblich um Schutz gebeten. Alleine im ersten Halbjahr 2016 kamen 70 Frauen durch die Hand ihrer Ex-Freunde, Ehemänner oder Geliebten um.

Der Aufschrei im Falle Sanremo war so gesehen zwar vielleicht überraschend heftig, aber wichtig, um einen breitenwirksamen, gesamtgesellschaftlichen Wandel voranzutreiben, der in Italien dringend nötig wäre.





Sie müssen eingeloggt sein, um Artikel weiterleiten zu können.