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(Sexualisierte) Gewaltbetroffenheit von Männern – Hilfeangebote für männliche Betroffene an Hochschulen

Deutsche Hochschulen haben in den vergangenen Jahren zunehmend auf das Vorkommen sexualisierter Übergriffe am Campus mit der Ansage einer Zero-Tolerance-Politik und zahlreichen Maßnahmen zur Prävention und Intervention reagiert. Im realen Fokus solcher Bemühungen standen und stehen allerdings weibliche Studierende, die Adressatinnen des Schutzes durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz AGG und Angeboten wie Selbstbehauptungstrainings und Fachberatungsstellen an diversen Hochschulen sind. Zwar sind solche Maßnahmen Männern grundsätzlich nicht vorbehalten und auch das AGG ist geschlechtsneutral formuliert; dennoch muss die untergründige Botschaft wegen der geschlechtsspezifischen Zuschreibung von Opfer- und Täter“eigenschaften“ als männliche Erfahrung nicht-berücksichtigend interpretiert werden. Nicht zuletzt wird das in der Wortwahl zur Beschreibung von Szenarien sexualisierter Übergriffe deutlich: Da grenzt man sich ab von dem Verständnis als „Kavaliersdelikten“ und „den Tätern“ – Begrifflichkeiten, die eindeutig männlich konnotiert sind.

Dies korrespondiert wiederum mit der männlichen Rezeption von Gewalt: Es sind für junge Männer insbesondere handgreifliche Auseinandersetzungen, die eher als „Gewalt“, aber im Kontext mit ihrem Geschlecht als „akzeptabel“ wahrgenommen werden. Demgegenüber ist sexuelle Gewalt eine ausschließlich auf Frauen bezogene Problematik. So wird selbst auch keine Furcht vor sexueller Gewalt gegen die eigene Person geäußert, geschweige denn dass Maßnahmen zur eigenen Sicherheit (wie Frauen es tun) unternommen werden. Entsprechend ist vor diesem Hintergrund zu fragen, inwieweit Männer (und Frauen) entsprechend einer Neigung, die soziale Erwünschtheit des Sachverhaltes herzustellen und damit Geschlechterstereotypen zu entsprechen, ein irreführendes Mitteilungsverhalten aufweisen. Insofern werden bestimmte sexuelle Übergriffe marginalisiert oder sogar negiert, die entweder mit dem eigenen Rollenbild oder mit kulturell wirkenden Mythen nicht konform gehen. Weiterführende Studien sowie die Sensibilisierung aller Akteure (Hilfeanlaufstellen, Lehrpersonal und Forscher*innen) an Hochschulen sind nötig, um zu einem besseren Verständnis zu kommen.

Fazit

Männer zeigen (und internalisieren) fortgesetzt die Fassade der Furchtlosigkeit, die ihnen antrainiert wurde, bzw. die sie sich und untereinander schon früh in ihrem Jungenleben antrainiert haben. Werden sie dagegen selbst Opfer von sexueller Gewalt, wird damit ihre Geschlechteridentität gravierend in Frage gestellt. Ähnlich wie weibliche Opfer sexualisierter Gewalt, wenn auch in einem anders gearteten gesellschaftlichen Rezeptionskontext, marginalisieren oder negieren sie die Übergriffe. Dabei kommt dem Status der übergriffigen Person eine grundlegende Bedeutung zu. In Folge des Erlebten ist auf zwei Arten des möglichen Umgangs damit hinzuweisen, die Relevanz für praktische Empfehlungen haben: Es kann im Sinne einer Kompensation zu einer destruktiven Überbetonung der Männerrolle und damit zu einer Fortschreibung von Gewalt kommen. Entsprechend plädieren Genderforscher*innen und Praktiker*innen für die Berücksichtigung männlicher Gewalterfahrungen mit entsprechenden Hilfeangeboten nicht zuletzt aus dem Grund, in Konsequenz auch Partner*innen (aber auch Kinder) von gewaltbetroffenen Männern durch externe Unterstützung zu entlasten und damit den möglichen Teufelskreis von Gewalt zu unterbrechen.

Es kann – und dies ist ein interessantes Ergebnis der Erhebung unter männlichen Betroffenen – zu der Entwicklung eines verstärkten Bewusstseins (auch im Vergleich mit Studentinnen) für die Relevanz sexualisierter Gewalt angesichts der fehlenden Anerkennung der Gewalterfahrung und ausstehender Unterstützung durch die Gesellschaft und ihrer Institutionen bei betroffenen Männern kommen. In beiden Fällen käme eine Enttabuisierung von und Sensibilisierung für männliche (sexualisierte) Gewaltbetroffenheit auch den weiblichen Opfern zugute: Nur durch das gegenseitige Verständnis und die Anerkennung des Leids und der Einschränkungen, die sexualisierte Gewalt für potentiell beide Geschlechter bewirkt, ist die gemeinsame Aktion möglich, die Gewalt entgegentritt und sie – idealerweise – beendet. Hochschulen als Lebensabschnittsraum mit entsprechenden Maßnahmen (Ansprache auch männlicher Opfer auf ihren Websites zur Politik gegen sexualisierte Gewalt, ausgewiesene Hilfestellen, Aufklärung, Forschung etc.) können dazu beitragen.

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