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aus dem Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
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Warum gibt es so wenige Juraprofessorinnen?

Ein Gespräch von Sabine Berghahn mit Ulrike Schultz
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Fachbuch: Vom Studium zur Juraprofessorin – ein Werdegang aus statistischer Sicht

Nach wie vor finden sich in der Rechtswissenschaft, besonders in höheren Positionen, vorwiegend Männer. Warum sind Frauen als Professorinnen in der Rechtswissenschaft nach wie vor etwas Beson­deres? Wie ist die Entwicklung in dem als konservativ geltenden Fach Jura in den letzten Jahrzehnten verlaufen?

Juliane Roloff und Ulrike Schultz haben in einer umfangreichen Studie die berufliche Karriere von Frauen in der Rechtswissenschaft unter die Lupe genommen und zeigen anhand von einschlägigen Zahlen und Fakten den Weg vom Studium zur Juraprofessur. Damit liegen erstmals alle wesentlichen Daten zur Situation von Frauen in der Rechtswissen­schaft in einer kompakten Publikation vor

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… oder in die Probeseiten reinlesen.

Transkription

Sabine Berghahn:
Ulrike, Du hast an der FernUniversität ein großes Projekt über Genderaspekte bei Karrieren in der Rechtswissenschaft geleitet.1 Wie kam es dazu?

Ulrike Schultz:
An den Universitäten sind Frauen auf Professuren nach wie vor stark unterrepräsentiert. Zur Ermittlung der Ursachen dafür und zur Verbesserung der Situation von Frauen in Wissenschaft und Forschung hatte das BMBF eine Förderlinie „Frauen an die Spitze“ aufgelegt. Daraus haben wir für ein Dreijahresprojekt Gelder zur Erforschung der Situation von Juraprofessorinnen bekommen.

Was ist das Besondere an der Situation von Juraprofessorinnen?

Im Vergleich der Fächer sind Frauen auf Lehrstühlen in der Rechtswissenschaft besonders unterrepräsentiert. Selbst in den harten „Männerfächern“, wie in den Ingenieurwissenschaften, sind die Chancen von Studentinnen auf einen Lehrstuhl zu gelangen proportional größer als bei den Juristen – allerdings bei insgesamt niedrigeren Studentinnenzahlen.
In Jura haben wir ja die besondere Situation, dass schon seit der Jahrtausendwende mehr Frauen als Männer Jura studieren. Im Moment sind es insgesamt 57 Prozent, an manchen Fakultäten über 60 Prozent. Der Anteil von Frauen auf den voll ausgestatteten W 3 Lehrstühlen liegt aber bei unter 16 Prozent. Deshalb hatte unsere Untersuchung auch den Untertitel: Warum gibt es so wenig Frauen in der Rechtswissenschaft?

War Jura nicht ursprünglich auch ein hartes Männerfach?

In der Tat, als ich 1966 angefangen habe zu studieren, betrug der Frauenanteil an den Jurastudierenden in München 7 Prozent. Die ersten Frauen waren überhaupt erst nach 1900 zum Studium zugelassen worden. Schritt für Schritt hatten sie sich den Zugang zu den juristischen Berufen erkämpfen müssen. Noch 1933 lag der Anteil der Frauen an der Anwaltschaft und in der Richterschaft bei lediglich rd. 2 Prozent. Im dritten Reich wurde ihnen durch Führererlass der Zugang zu den juristischen Berufen versperrt, so dass nach dem Krieg die Zahl der Jurastudentinnen und Juristinnen nur langsam stieg. Ab den späten 1970er Jahren kam es dann im Zuge der Öffnung des Bildungswesens nicht nur zu einer Steigerung des Frauenanteils im Studium generell, sondern besonders auch in der Rechtswissenschaft. Ab den 1980er Jahren nahm die Zahl der Jurastudentinnen überproportional zu. Inzwischen haben wir 34 Prozent Anwältinnen und fast 50 Prozent Juristinnen in der Justiz bei weiter zunehmender Tendenz. Umso erstaunlicher ist, dass die Rechtswissenschaft nach wie vor eine Männerdomäne ist.

Wann wurde denn die erste Juraprofessorin berufen? Wie entwickelte sich die Situation der Frauen auf juristischen Lehrstühlen?

Ich habe in unserer Projektpublikation2 die Geschichte der Frauen in der Rechtswissenschaft nachgezeichnet. Die erste Habilitation erfolgte im Jahr 1930 durch Magdalene Schoch in Hamburg. Sie verließ Deutschland aus Protest gegen das Naziregime und wanderte in die USA aus. Der Betreuer ihrer Habilitation war Jude und hatte wie alle Juden ab 1933 quasi ein Berufsverbot im öffentlichen Dienst und war daher emigriert. Die nächsten Habilitationen erfolgten erst nach dem zweiten Weltkrieg. In der DDR habilitierte Gertud Schubert-Fikentscher 1946 in Rechtsgeschichte an der Universität Leipzig und erhielt 1948 einen Ruf an die Universität Halle-Wittenberg. In Westdeutschland dauerte es länger. 1959 habilitierten Anne-Eva Brauneck in Kriminologie und Marie Luise Hilgers im Arbeitsrecht. Anne-Eva Brauneck wurde dann 1965 als erste westdeutsche Juraprofessorin in Gießen berufen. Es zeigten sich besondere Hindernisse für Frauen: Sie mussten länger auf einen Lehrstuhl warten, wenn sie überhaupt einen bekamen, und wurden, wie Anne-Eva Brauneck in Interviews anschaulich geschildert hat3, weniger ernst genommen als ihre männlichen Kollegen.

Wie entwickelte sich die Situation weiter?

1970 hatten wir in Westdeutschland ganze vier Juraprofessorinnen, 1980 waren zehn von 725 Juraprofessuren mit Frauen besetzt, 1990 zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung 23. Heute sind es 165 bei 1.010 Professorenstellen, also 16 Prozent. Es besteht also immer noch erheblicher Nachhochbedarf.

In anderen Fächern sind in den letzten Jahren vermehrt Frauen berufen worden. Immerhin sind wir im Zeitalter der Quote. Wie sieht es in der Rechtswissenschaft aus?

In den Rechtswissenschaften braucht man nach wie vor die Habilitation für einen Ruf, also zunächst die Promotion und dann das zweite große Buch. In anderen Fächern ist das System inzwischen flexibler, z. T. wird auf die Habilitation verzichtet, und es werden auch eher kumulative Habilitationen anerkannt. Der Anteil von Frauen an den Promotionen beträgt immerhin 40 Prozent, bei den Habilitationen lag er im Schnitt der letzten Jahre bei rd. 20-22 Prozent, so dass auf absehbare Zeit nicht mit einer sonderlichen Zunahme von Frauen auf Lehrstühlen in der Rechtswissenschaft gerechnet werden kann, auch wenn in den allerletzten Jahren prozentual etwas mehr Frauen als Männer berufen worden sind – die Betonung liegt aber auf „etwas“.
Wenn man es mit der Geschlechtergerechtigkeit in den Rechtswissenschaften ernst machen will, muss also etwas geschehen.

Woran liegt es nun im Einzelnen, dass es so wenig Juraprofessorinnen gibt?

Die Ursachen sind vielfältig. Eine ist die lange Ausbildungsdauer. Um ein „echter“ Jurist zu werden, studiert man 4-5 Jahre lang, legt ein erstes Staatsexamen ab, es folgt eine praktische Ausbildung in der Referendarzeit und eine zweite Staatsprüfung. Die meisten jungen Juristen sind dann schon Ende 20. Dann folgt die Promotionsphase, dann die Habilitationsphase, beides in der sogenannten Rush-Hour of Life, wenn die Familiengründung ansteht. Das durchschnittliche Berufungsalter liegt bei 38 Jahren. Die Qualifikationsphase ist anstrengend, vor allem aber auch durch Unsicherheiten gekennzeichnet. Nach dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz kann man an Universitäten sechs Jahre bis zur Promotion und weitere sechs Jahre bis zur Habilitation beschäftigt werden. Wenn man die Qualifikationen in dieser Zeit nicht schafft, wird man nicht weiter beschäftigt. Das gilt auch, wenn man an Drittmittelprojekten gearbeitet hat, was sehr tückisch ist, weil man bei Drittmittelfinanzierung wenig Zeit für die eigene Qualifikation hat. Viele bekommen aber auch keine auskömmlichen Stellen an den Fakultäten, und Stipendien sind rar gesät. Wobei heute der Frauenanteil bei den Rechtswissenschaftlern im Mittelbau bei 45 Prozent liegt. Das heißt, das Potential ist eigentlich da. Viele Frauen verlassen die Universität in und nach der Promotionsphase. Frauen streben insbesondere in die Justiz oder auf sonstige Stellen im öffentlichen Dienst, da ihnen dort Stellensicherheit geboten wird, eine solide Bezahlung und all die Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Elternzeit, Teilzeit, Beurlaubung.

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