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Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
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Frauen in den Instanzen der Justiz – Täterinnen und Strafjustiz im europäischen Vergleich

Das System der Strafjustiz ist in den einzelnen Ländern höchst unterschiedlich organisiert, und dessen Organisationen sind mit höchst unterschiedlichen Befugnissen ausgestattet. So ist es in einigen Ländern möglich, dass die Polizei bei Jugendlichen eine de facto Diversion vornimmt, während das in anderen Ländern den Staatsanwaltschaften obliegt, z. B. in Deutschland. Weltweit werden das angelsächsische (common law) Strafrechtssystem – also z. B. in Großbritannien, den USA, und Kanada und den zahlreichen ehemaligen englischen Kolonien, das sogenannt kontinentale (civil law), durch den Code Napoleon geprägte System, das in den europäischen Ländern, Lateinamerika und einigen Ländern in Asien, sowie den ehemaligen französischen Kolonien in Afrika vorherrscht, und das Gebiet des islamischen Rechts unterschieden. Allerdings arbeiten selbst innerhalb Europas die einzelnen Strafrechtssysteme höchst unterschiedlich, selbst wenn die Mehrheit zur Familie des kontinentalen Rechts gehört. Vergleiche gestalten sich daher besonders schwierig, da die verschiedenen beteiligten Akteure unterschiedliche Befugnisse haben, so dass äquivalente Bearbeitungswege und Organisationen für einen Vergleich identifiziert werden müssen. Ein besonders wichtiger Vergleichspunkt ist der Eintritt / Erstkontakt mit dem Justizsystem bei einer Straftat. Tabelle 1 gibt einen Überblick über die Rate der bei einem solchen Erstkontakt identifizierten weiblichen und männlichen Täter bzw. Tatverdächtigen (angeordnet von der höchsten zur niedrigsten Rate für weibliche Tatverdächtige). Diese Daten dürfen nicht als tatsächliche Prävalenzraten der Kriminalität verstanden werden. Vielmehr spiegelt sich hier die spezifische Organisation der Strafjustiz und insbesondere die Aktivität und Organisation der Polizei in den verschiedenen Ländern wider, wie auch das unterschiedliche Ausmaß der Kriminalisierung bestimmter Verhaltensweisen (z. B. Betteln, öffentlicher Alkoholkonsum und –missbrauch, Prostitution u. a.).

Tab. 1: Erwachsene Personen mit formellem (Erst-)Kontakt zur Polizei und/oder Strafjustiz: Europa 2003 bis 2013 (Rate per 100.000 der Altersgruppe 18 Jahre und älter, weiblich/ männlich/ insgesamt)

Land

weiblich

(Mittelwert 2003 – 2013)

männlich

(Mittelwert 2003 – 2013)

insgesamt

(Mittelwert 2003 – 2013)

Finnland

1976,3

10633,2

6340,64

Deutschland

1226,3

4118,1

2645,34

Österreich

1210,5

5160,2

3109,89

Belgien

918,9

3813,2

2368,38

Niederlande

783,0

4699,0

2725,69

Schweiz

721,6

2931,4

1528,64

Italien

588,8

2884,8

1654,81

Frankreich

578,6

3298,1

1871,62

Ungarn

544,9

3081,9

1729,97

Schweden

479,9

2143,7

1294,06

Malta

418,2

1862,2

1075,18

Tschechische Republik

336,9

2302,5

1304,70

Slowenien

329,6

1729,8

1018,45

Slowakei

320,5

1990,2

1131,13

Polen

282,9

2776,7

1576,65

Russland

262,3

1734,3

926,38

Norwegen

254,1

1419,0

827,47

Lettland

234,4

2549,5

1071,55

Bulgarien

179,8

1463,1

828,55

Kroatien

174,6

1378,3

1451,40

Spanien

174,0

1590,4

824,08

Litauen

156,4

1578,5

790,95

Serbien

125,2

1218,6

653,27


(Eigene Darstellung nach UNODC Database on Crime and Criminal Justice Statistics 2003 – 2013)

Finnland hat eine extrem hohe Rate von Frauen mit Kontakt zur Strafjustiz, und ebenso insgesamt wie auch für männliche Täter; wie bereits angemerkt, heißt das nicht, dass die finnische Bevölkerung in besonderem Ausmaß in Straftaten verwickelt ist, sondern nur, dass wir es hier mit Besonderheiten der Strafverfolgung in Finnland zu tun haben, die von keinem anderen skandinavischen oder auch europäischen Land geteilt werden. In deutlichem Abstand folgen Deutschland, und die west- und südeuropäischen Länder. Generell beträgt in diesen Ländern die weibliche zwischen einem Fünftel und einem knappen Viertel der männlichen Rate, und spiegelt somit das Geschlechterverhältnis von ca. 20 Prozent zu 80 Prozent wider, das ebenso für die polizeilich registrierten Tatverdächtigen gilt (siehe Abbildung 1, Teil 1). In den europäischen Ländern mit einer eher niedrigen Rate an entdeckten Tatverdächtigen dominieren die männlichen Täter bei weitem, und die weibliche Rate beträgt zwischen einem Zehntel und ca. einem Siebtel der männlichen Rate. Je weniger Delikte und Täter zur Kenntnis der Polizei bzw. äquivalenter Organisationen gelangen, desto geringer ist die Belastungsquote der Frauen im Vergleich mit der der Männer. Diese Daten spiegeln und bestätigen die proportionale Verteilung der entdeckten Täter in den europäischen Ländern wie in Abbildung 1 (Teil 1) gezeigt.

Da jugendliche Täter und Täterinnen im Alter von 17 Jahren oder jünger einen großen Anteil am gesamten Aufkommen haben, ergibt sich im Prinzip dasselbe Bild wie für erwachsene Straftäter und Straftäterinnen. Auch für diese Altersgruppe verschiebt sich die Relation nicht: es bleibt bei einer weiblichen Rate zwischen einem Fünftel und einem Viertel für die Länder mit einer höheren Rate von Tätern mit Kontakt mit der Strafjustiz, während in Ländern mit einer generell geringeren Rate von entdeckten Tätern männliche Täter noch stärker dominieren. Hier kann das Verhältnis der geschlechtsspezifischen Raten 10 zu 1 betragen oder sogar eine noch höhere Diskrepanz ausweisen. Dies ist bei jugendlichen Tätern der Fall z. B. in Litauen, Kroatien, der Slowakei und Serbien.

Tab. 2: Erwachsene gerichtlich verurteilte Personen: Europa 2003 bis 2013 (Rate per 100.000 der Altersgruppe 18 Jahre und älter; weiblich/ männlich/ insgesamt; ohne Freisprüche, Verkehrsdelikte u. a.)

Land

weiblich

(Mittelwert 2003 – 2013)

männlich

(Mittelwert 2003 – 2013)

insgesamt

(Mittelwert 2003 – 2013)

Finnland

1682,7

7993,2

4750,2

UK: England & Wales

1257,1

4789,5

3012,3

UK: Nordirland

996,4

4460,6

2786,2

Schweden

473,9

2736,4

1497,7

Dänemark

460,6

2891,5

1645,5

Deutschland

388,6

1817,6

1076,2

UK: Schottland

380,3

2068,4

1156,4

Schweiz

369,4

2074,0

1212,8

Ungarn

265,2

1815,4

996,1

Frankreich

234,6

2375,3

1252,4

Polen

224,0

2793,6

1444,2

Tschechische Republik

211,4

1460,6

808,6

Russland

183,2

1262,4

670,0

Niederlande

182,2

1313,1

768,3

Slowakei

179,0

1167,1

642,5

Portugal

159,8

1477,5

783,3

Österreich

152,6

908,9

542,7

Italien

139,3

830,5

472,3

Kroatien

125,0

1225,8

648,3

Slowenien

114,8

904,6

494,9

Litauen

102,9

1050,0

534,5

Lettland

100,9

1051,4

544,5

Norwegen

86,4

598,1

341,0

Serbien

84,6

869,4

463,6

Bulgarien

71,5

1017,0

515,1

Albanien

39,8

645,8

321,4

Rumänien

37,6

439,5

263,5


(Eigene Darstellung nach UNODC Database on Crime and Criminal Justice Statistics 2003 – 2013)

Wie Tabelle 2 zeigt, gibt es bei den gerichtlichen Verurteilungen einige Verschiebungen der Geschlechterrelationen im Vergleich zum Erstkontakt, am auffälligsten in Österreich, das für Frauen eine deutlich niedrigere Verurteilungsrate hat. Die Tatsache, dass sich die Relationen nicht deutlicher verschieben, spricht dafür, dass Männer und Frauen gleichermaßen das Risiko einer Verurteilung laufen, wenn sie einmal in Kontakt mit der Justiz geraten sind, und keines der beiden Geschlechter in den Instanzen der Justiz benachteiligt oder bevorzugt wird. England und Wales, Nordirland und Schottland mit einem prinzipiell anderen Rechtssystem und anderen Befugnissen für die Polizei fügen sich in dieses Bild: sie weichen gleichwohl nicht von der generellen Geschlechterrelation zwischen einem Viertel und einem Fünftel (Schottland) ab.

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