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aus dem Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
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Frauen in den Instanzen der Justiz – Frauen im Strafvollzug

Europa und Deutschland

Wie oben ausgeführt, sind Frauen eine kleine Minderheit im Strafvollzug. Das gilt weltweit ebenso wie für Europa und Deutschland. Unter den knapp 10 Millionen Strafgefangenen weltweit sind ca. 700.000 Frauen. Generell stellen Frauen zwischen 2 Prozent und 9 Prozent der gesamten Strafgefangenenpopulation eines Landes, und nur 18 Länder haben einen höheren Anteil. Der Anteil ist generell in Afrika am niedrigsten, und in Asien am höchsten, wo 50 Prozent der Länder einen Frauenanteil von mehr als 6 Prozent haben (World Prison Brief 2015).

Tabelle 3 zeigt, dass in ganz Europa der Anteil an Frauen unter den Strafgefangenen immer unter 10 Prozent der Strafgefangenenpopulation bleibt. Deutschland liegt im Mittelfeld bei ca. 5 Prozent. Der Anteil in allen Ländern ist ganz überwiegend konstant und variiert wenig. Dort, wo die Rate entdeckter Täter niedrig ist und umgekehrt die Rate männlicher Täter hoch, ist ebenso der Anteil inhaftierter Frauen besonders niedrig. Die Ursachen dafür sind in den typischen Merkmalen der Kriminalität von Frauen bzw. ihren Charakteristika zu suchen: sie haben häufiger feste Wohnsitze und Familie, so dass auch Untersuchungshaft seltener ist, ihre Delikte sind weniger schwer, sie begehen deutlich weniger Gewalttaten, und sie sind seltener Wiederholungstäter. All dies reduziert das Risiko von Frauen ebenso wie von vergleichbaren Männern, eine Freiheitsstrafe verbüßen zu müssen und ist offensichtlich in allen Ländern Europas wirksam. (vgl. für Deutschland zu Jugendlichen: Ludwig-Mayerhofer und Rzepka 1991).

Tabelle 3 zeigt, dass die Gefängnispopulation bzw. die Gefangenenrate in Deutschland im letzten Jahrzehnt zunächst zugenommen hat; lag sie 2003/2004 um 90 je 100.000 der Bevölkerung, so beträgt die Rate 2008/2009 um 105, sinkt jedoch seit 2010 wieder; hier folgt sie den Verurteilungen.

Abb. 16: Anteil der strafgefangenen Frauen an der gesamten Gefängnispopulation in europäischen Ländern (%) (einschließlich Untersuchungshaft)

(Eigene Darstellung nach Aebi et al. 2014, S. 272)

Die Rate der weiblichen Strafgefangenen steigt von 7.7 im Jahre 2003 auf 11 im Jahr 2008, und bleibt auf diesem Niveau bis 2013. Relativ deutlich hat die Rate der männlichen Strafgefangenen seit 2008 abgenommen, von 208 auf 185. Das Verhältnis zwischen den weiblichen und männlichen Raten bleibt jedoch konstant im Bereich von ca. 1:20. (vgl. auch Abb. 16). Es ist einerseits insbesondere die Verhängung längerer Strafen, die auf Dauer zu einer Zunahme der Gefangenenpopulation führt, und andererseits die häufigere Verhängung kürzerer Freiheitsstrafen, die einen solchen Effekt hat. Frauen waren möglicherweise eher von den letzteren, Männer von den ersteren betroffen. Ferner ist die Inhaftierung von Migranten und Migrantinnen hier zu berücksichtigen, die wahrscheinlich den Anstieg der Gefangenenziffer mitverursacht hat.

Tab. 3: Erwachsene im Strafvollzug: Deutschland 2008 bis 2013 (Rate per 100.000 der Altersgruppe 18 Jahre und älter; weiblich/ männlich/ insgesamt)

2008

2009

2010

2011

2012

2013

Erwachsene gesamt

106,5

104,3

102,1

100,2

98,7

95,4

weibliche Erwachsene

11,0

10,8

10,3

11,0

11,1

10,7

männliche Erwachsene

208

203,5

198,9

194,7

191,4

184,8


(Eigene Darstellung nach UNODC Database on Crime and Criminal Justice Statistics 2003 – 2013)

Die Mehrheit der strafgefangenen Frauen verbüßt eine Strafe wegen Eigentums- und zunehmend auch Drogendelikten. Ihre Zahl betrug Anfang der 2000er Jahren europaweit ca. 100.000 an jedem Tag (WHO & UNODC 2009, 1). Dies sind zumeist kurze Freiheitsstrafen, die zugleich für die Strafanstalten eine hohe Fluktuation mit allen ihren Nachteilen bedeuten. Eine Mehrheit unter den strafgefangenen Frauen sind Opfer von sexuellem Missbrauch oder häuslicher Gewalt und leiden daher unter posttraumatischen Belastungsstörungen und den Folgen von Drogen- und Medikamentenabhängigkeit sowie unter anderen gesundheitlichen Problemen. In einer Reihe von Ländern sind strafgefangene Frauen ferner dem Autoritätsmissbrauch durch das männliche Personal und sexuellen Belästigungen bis hin zu sexueller Gewalt ausgesetzt (WHO & UNODC 2009, 2).

Insgesamt summieren sich die Probleme und Nachteile für strafgefangene Frauen, die sich aus der Minderheitenposition einerseits und aus ihren psychischen und physischen Belastungs- und Gesundheitsproblemen andererseits ergeben, zu einer systematischen Benachteiligung von Frauen im Strafvollzug weltweit („gender inequity“, WHO & UNODC 2009), wie sowohl die World Health Organization (WHO) als auch die europäischen Parlamente und Kommissionen feststellen. Aufgrund der geringen Zahl von Frauenhaftanstalten sind sie häufig in Gefängnissen weit von ihren Familien entfernt untergebracht, und aufgrund ihrer geringen Zahl und der hohen Fluktuation werden ihnen oft weniger Rehabilitationsprogramme und therapeutische Versorgung angeboten bzw. können sie diese nicht wahrnehmen. Entsprechend ist auch die medizinische und psychologische Versorgung oft unzureichend und der Strafvollzug wenig auf die besonderen Bedürfnisse und komplexen Probleme der Frauen zugeschnitten. Das zeigt sich insbesondere an den spezifischen Problemen von schwangeren Inhaftierten und Müttern im Strafvollzug, deren Kinder entweder im Vollzug geboren werden oder die außerhalb betreut werden müssen.

Seit 1999 haben Mitglieder der Parlamentarischen Versammlung des Europarats auf diese Situation in den europäischen Ländern aufmerksam gemacht (z. B. Parliamentary Assembly Council of Europe (PACE) 1999, 2000, 2008, 2009). In den Empfehlungen des Ministerkomitees des Europarats zu den Europäischen Strafvollzugsgrundsätzen aus dem Jahr 2006 (Europarat Ministerkomitee des Europarats 2006, Ziffer 34.1 – 34.3) werden die besonderen Bedürfnisse von Frauen zwar erwähnt, jedoch nur in einem Absatz: so „haben die Behörden bei allen Entscheidungen, die die Belange von inhaftierten Frauen betreffen, besonderes Augenmerk auf deren spezifische Bedürfnisse zu richten, zum Beispiel in körperlicher, beruflicher, sozialer und psychologischer Hinsicht. Besondere Anstrengungen sind zu unternehmen, um weiblichen Gefangenen, die … Behandlungsbedarf haben, Zugang zu entsprechenden Fachdiensten zu gewähren. Den Gefangenen ist zu gestatten, außerhalb der Justizvollzugsanstalt zu entbinden.“

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