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aus dem Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
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Care: Begriffsklärung und Verortung in der (internationalen) Genderforschung

Care wird verstanden als die Gesamtheit der gesellschaftlich und individuell notwendigen Formen der Fürsorge und Pflege von Menschen inklusive der Tätigkeiten, die zur Wiederherstellung von Gesundheit, Arbeitskraft oder Leistungsfähigkeit notwendig sind, aber auch vielfache Formen des Sich-Kümmerns, die darüber hinausgehen: Fürsorge, Beziehungsgestaltung, Erziehung, Pflege, nachbarschaftliche Unterstützung und Selbstsorge (Brückner 2010). Care-Tätigkeiten sind unbezahlt oder bezahlt, erfolgen in privaten Lebenszusammenhängen oder in Einrichtungen, sind bezogen auf Gesundheit, Erziehung, Betreuung, Pflege – kurz: die Sorge für andere, für das Gemeinwohl und als Basis die Sorge für sich selbst, Tag für Tag und in den Wechselfällen des Lebens. Care ist Zuwendung und Mitgefühl ebenso wie Mühe und Last. Cornelia Klinger (2013) hat dafür den Begriff der ‚Lebenssorge‘ geprägt. Margrit Brückner (2010: 43) verweist darauf, dass Care auch als eine „spezifische Zugangsweise zur Welt im Sinne einer alle Menschen einschließenden fürsorglichen Praxis“ verstanden werden kann.

Die Forschung zu Fürsorge unter Einschluss einer kritischen Gender-Perspektive erfolgt inzwischen unter der Leitkategorie ‚Care‘ (Davies 1995; Eckart/Senghaas-Knobloch 2000; Tronto 2005; Brückner 2010; Klinger 2013). Care umfasst die Gesamtheit und Vielfalt der bezahlten und unbezahlten Tätigkeiten der Zuwendung, Versorgung, Pflege, Erzie-hung und Unterstützung anderer Menschen sowie des eigenen Selbst. In der Forschung zu Care werden Personen prinzipiell als gleichermaßen autonomieorientierte wie aufeinander angewiesene verstanden (Eckart 2000), so dass auch die Verletzbarkeit als menschliche Bedingtheit thematisiert wird (Butler 2003). Die Geschlechterforschung hat in diesem Zusammenhang besonders nachdrücklich und empirisch fundiert deutlich gemacht, dass Care lange als rein weibliche Sphäre und Qualität galt, was sich nicht nur kulturell oder symbolisch zeigt, sondern auch in institutionellen, juristischen und ökonomischen Dimensionen (Fraser 2001; Moser/Pinhard 2010). Unter dem Stichwort der „Reproduktionskrise“ (Aulenbacher 2013) wird in der Geschlechterforschung der Wandel der Trias Erwerbsarbeit, Sozialstaat und Familie pointiert verdichtet und darauf verwiesen, dass die bisherigen Antworten auf diesen Wandel überwiegend Verunsicherung und eine Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse hervorgebracht haben (Castel/Dörre 2009). Insofern sich gegenwärtig Ansprüche an Care nicht (mehr) entlang geschlechterbezogener Zuschreibungen legitimieren, und folglich immer weniger garantieren lassen, eröffnet die Forschung zu Gender und Care einen offenen Blick auf die vielschichtige und oftmals widersprüchliche Gestaltung der Für- und Selbstsorge (Klenner 2013).

Eine kritische Gender-Perspektive zu Care bedeutet auch, dass Geschlecht nicht alltagsweltlich oder rein biologistisch als gegebenes Faktum verstanden wird. Vielmehr wird Gender als wirkmächtige, diskursive wie materielle und institutionell gerahmte, andauernde Konstruktion verstanden, die ihrerseits historisch und regional spezifisch ist (vgl. Lorber 1995; Villa 2012). Gleichzeitig werden in der Care-Debatte multidimensionale, also intersektionale Formen sozialer Ungleichheiten, in zum Teil neuer Weise, sichtbar: Nationale Zugehörigkeit, Geschlecht, Region, Bildungsgrad, Sexualität, Alter etc. prägen wesentlich die Art und Weise, in der Care organisiert, gedeutet, bewertet und konkret praktiziert wird. Daher brauchen sowohl die kritische Genderforschung als auch die Gleichstellungspolitik Diversity-Kategorien als Konkretisierung der Intersektionalitätsperspektive (Özbilgin et al. 2011; Grzanka 2014) im Feld von Care.

Die internationale Care-Debatte hat einen zumindest 40-jährigen Vorlauf und zeigt im internationalen Vergleich den Bezug zu unterschiedlichen Wohlfahrtsregimen. Brückner hat diesen Zusammenhang und unterschiedliche Entwicklungen für die USA, Skandinavien, Großbritannien und Deutschland aufgearbeitet (Brückner 2010). Bereits in den 1970er Jahren wurde im Kontext der Frauenbewegung – mit unterschiedlichen nationalen Schwerpunktsetzungen – Care im Zusammenhang der kritischen Analyse von Hausarbeit als Arbeit bezeichnet. Die dabei entwickelten Begriffe wie ‚Beziehungsarbeit‘ oder ‚Gefühlsarbeit‘ haben den Arbeitsbegriff nachhaltig erweitert. Als paradigmatisch gilt für Deutschland die Studie von Bock/Duden (1977): „Arbeit aus Liebe – Liebe als Arbeit“. Die Ineinssetzung von Arbeit mit Lohnarbeit/Erwerbsarbeit gilt seitdem als überholt (Jürgens 2012). Ebenso stellen sich daraus resultierend die Konzepte von Öffentlichkeit und Privatheit neu, da Care beide Ebenen durchdringt (Rössler 2001). Aus der skandinavischen Debatte um Care resultiert die kritische Analyse personenbezogener sozialer Dienstleistungen und Arbeitsbedingungen von Frauen, die überwiegend die Beschäftigten (‚care giver‘) in den Care-Berufen stellen (Leira 1993). Hieraus entstanden eine Reihe europäisch vergleichender Studien, die deutlich gemacht haben, dass die je unterschiedlichen nationalen Traditionen von Geschlechtermustern und -verhältnissen mit den darin wurzelnden Wohlfahrtsregimen ursächlich zusammenhängen. Ausgehend von diesen Befunden wurden kritische Analysen zur sozialstaatlichen Absicherung von Care entwickelt und Care als Menschenrecht weiter politisch ausformuliert (Senghaas-Knobloch 2006; Gerhard/Klinger 2013). Aus dem US-amerikanischen Diskurs der Care-Debatte stammt der stärker sozialphilosophische Ansatz der Auseinandersetzung mit dem Spannungsverhältnis von Angewiesenheit und Autonomie (Butler 2001; Brückner 2010). Dabei wird Autonomie als Fiktion entlarvt und eine prinzipielle Abhängigkeit von Menschen untereinander, die jedoch im Lebenslauf variiert, festgestellt (Fraser/Gordon 1994; Nussbaum 2003). Zurückgewiesen wird damit auch die binäre Geschlechterkonstruktion einer abhängig gedachten Weiblichkeit gegenüber einem autonom gesetzten männlichen Subjekt. Ein weiterer Zweig der Care-Debatte entstammt den emanzipativen ‚Krüppelbewegungen‘, die die Perspektive der ‚care user‘ oder ‚care receiver‘ einforderten und mit Ansprüchen nach sozialen Bürgerrechten verknüpften (Brückner 2011).

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